Wiesenberg

Geschichte und Kultur einer deutschen Siedlung in Galizien von 1781 bis 1940

Werner Kraus

Referat, gehalten auf der Kulturtagung des Hilfskomitees der Galiziendeutschen am 11. Mai 2003 in Lambrecht/Pfalz

Wiesenberg war ein von deutschen Bauern und Handwerkern bewohnter Ort in Ostgalizien, etwa 20 km nördlich von Lemberg und 3 km von der Kleinstadt Kulików entfernt. An Wiesenberg schloß sich das ukrainische Dorf Merwitschi (polnisch Mierzwica) an, mit einer Bahnstation an der Strecke Lemberg - Rawa-Ruska. Kreisstadt war Żółkiew (Żółkiew hieß nach 1945 Nesterow, seit 1990 Zovkva). Das Gebiet um Lemberg war von 1772 bis 1918 als "Königreich Galizien und Lodomerien" Teil der Monarchie Österreich-Ungarn, gehörte bis 1939 zu Polen, danach zur Sowjetunion und seit 1990 zur Ukraine. Lemberg heißt heute Lviv und hatte 1999 etwa eine Million Einwohner.

Wiesenberg wurde wie viele andere deutsche Orte in Galizien zwischen 1781 und 1785 planmäßig angelegt und von deutschen Bauern und Handwerkern besiedelt mit der Aufgabe, nach der Teilung Polens für einen "Entwicklungsschub" in den neuen Ländern Österreich-Ungarns zu sorgen.

Die ersten Ansiedler Wiesenbergs waren 45 Bauernfamilien katholischen Glaubens, die vorwiegend aus der Pfalz kamen. Um auch für die vielen Kinder eine Existenzgrundlage zu schaffen, wurden im Lauf der Zeit manche der Höfe geteilt und es wurden am Ortsrand neue Höfe eingerichtet. Bis 1939 war die Zahl der Bewohner Wiesenbergs auf mehr als 500 angestiegen. Aber nachdem Ostgalizien 1939 von sowjetischen Truppen besetzt worden war, wurden die deutschen Bewohner in den Warthegau umgesiedelt. Am Ende des Krieges mußten sie auch dieses Land verlassen und wurden über ganz Deutschland zerstreut. Nach dem Krieg wurde ein Teil der Wiesenberger in Ostrau in Sachsen-Anhalt und in weiteren benachbarten Orten angesiedelt. Noch heute, mehr als 60 Jahre nach dem Auszug aus Wiesenberg, kann man in diesen Orten die "schwäbisch" genannte pfälzische Mundart hören.

 

1. Einleitung

Dieser in aller Kürze vorgestellte deutsche Ort Wiesenberg in Galizien existiert nicht mehr in der alten Form. Wir können heute froh sein, daß viele Einzelheiten der Geschichte dieses Ortes von den ehemaligen Bewohnern aufgeschrieben wurden. Aber die Nachkommen der Wiesenberger sehen die Heimat ihrer Eltern und Großeltern heute mit anderen Augen an als jene, die in Wiesenberg aufgewachsen sind. Das ehemalige Wiesenberg liegt für uns Nachgeborene mehr als 1000 km entfernt in einem fremden Land. Manche Zusammenhänge, die bisher von den sogenannten alten Wiesenbergern für selbstverständlich gehalten wurden, müssen heute neu erklärt werden.

Ein solches Problem der Verständigung ist z.B. schon die Aussprache und Schreibweise der Ortsnamen. Soll man Lemberg, Lwów, Lwow oder Lviv sagen? Auf Grund der wechselvollen Geschichte gibt es für die meisten Orte in Galizien mehrere Namen in polnischer, russischer, ukrainischer oder deutscher Sprache. Da Wiesenberg die letzten zwanzig Jahre seiner Existenz zu Polen gehört hat und nur diese Zeit den Wiesenbergern noch in Erinnerung ist, ist es für alle verständlicher, nicht die heutigen ukrainischen Namen, sondern die damaligen deutschen bzw. polnischen Namen zu verwenden um die Geschichte des Ortes zu beschreiben.

Ich selbst gehöre bereits zu jener Generation, die nicht aus eigener Erinnerung über die damalige Zeit berichten kann. Darum möchte ich den Versuch machen, dasjenige über Wiesenberg zusammenzufassen und mitzuteilen, was mir für die späteren Generationen wichtig erscheint. Dabei berufe ich mich natürlich auf die Berichte der älteren Wiesenberger in schriftlicher und in mündlicher Form, versuche aber auch manche der alltäglichen Begebenheiten festzuhalten, die nicht zu den historisch wichtigen Ereignissen zu zählen sind.

Manche der ehemaligen Wiesenberger haben ihre Erinnerungen an die alte Heimat aufgeschrieben. In den Heimatbüchern der Galiziendeutschen, in den jährlich erscheinenden Zeitweisern oder in der monatlichen Zeitschrift "Das Heilige Band" des Hilfskomittees der Galiziendeutschen gibt es mehr als 20 Veröffentlichungen über Wiesenberg.

Die wichtigste Quelle für die Geschichte Wiesenbergs ist aber die Wiesenberger Chronik. Schon 1824 hat der damalige Wiesenberger Pfarrer Kopiec begonnen, eine Chronik des Ortes zu schreiben, die von 1781 bis zum Jahre 1828 reichte. Diese Chronik ist vor 1934 durch Eduard Mann und nach 1945 durch Peter Lang weitergeführt worden, so daß über die Geschichte Wiesenbergs auch manche Einzelheit bekannt ist.

Weitere Quellen, speziell für die Familiengeschichte, sind die Namenslisten der Auswanderer, die auf dem Weg nach Galizien registriert wurden und Steuerlisten der deutschen Orte Galiziens aus den Jahren 1789 und 1830, die 1939 von Ludwig Schneider veröffentlicht wurden.

 

2. Geschichte Wiesenbergs

2.1 Vorgeschichte der Ansiedlung

Nachdem Kaiser Joseph II. im Jahre 1780 das Land Galizien besucht hatte, das Österreich durch die Teilung Polens zugefallen war, wurden die notwendigen Gesetze für die Besiedlung ein Jahr später, im September und Oktober 1781, erlassen. Um geeignete Menschen für die Besiedlung und Entwicklung des Landes zu gewinnen, wurden Werber gezielt in die deutschen Gebiete links des Rheines geschickt, denn Joseph II. war der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und er hatte unter seinen vielen Titeln auch den des Königs von Galizien und Lodomerien. Vor allem die Pfalz war damals durch die Eroberungsversuche Frankreichs verwüstet und verarmt. Es war noch die Zeit der Leibeigenschaft und da war die Aussicht, auf eigenem Land als freier Bauer arbeiten zu können für viele junge Leute ein verlockendes Angebot. Unsere Vorfahren waren also keineswegs von Abenteuerlust getrieben, sondern sie handelten aus Not und aus Verantwortungsbewußtsein für ihre Familien.

Der Weg von der Pfalz bis nach Galizien ist etwa 1500 km lang. Die Strapazen der Anreise nach Galizien versteht man vielleicht besser, wenn man sich den Weg vorstellt, den die Auswanderer mit ihrer ganzen Familie zurücklegen mußten. Die meisten Pfälzer zogen zunächst rheinaufwärts bis Speyer und dann zwischen Schwarzwald und Odenwald hindurch bis nach Ulm. Von Ulm oder von Günzburg aus, das damals zu Österreich gehörte, fuhr man auf der Donau in den sogenannten Ulmer Schachteln bis nach Wien. Die Ulmer Schachteln waren billig hergestellte Boote, die nur in einer Richtung donauabwärts fuhren, denn sie wurden am Ende Ihrer Reise als Brennholz verkauft.

Von Wien aus ging die Reise auf dem Landwege weiter. Man zog mit Pferdewagen in größeren Gruppen über Brünn, Olmütz, Mährisch-Neustadt, Bielsko-Biala bis nach Krakau und von dort weiter in die Bestimmungsorte. Gereist wurde nur in den Sommermonaten und es muß dabei so ähnlich zugegangen sein wie bei den Siedlertrecks, die manchmal in den Wildwestfilmen zu sehen sind.

Aus den Ansiedlungslisten der österreichischen Behörden geht hervor, daß in den Jahren 1782 bis 1785 3216 Familien mit 14669 Personen nach Galizien zogen. Das bedeutet, daß jede Familie aus durchschnittlich 5 Personen bestand. Die Einrichtung der Höfe für die Ansiedler konnte mit diesem Ansturm nicht Schritt halten, so daß ab 1785 die Zahl der Aussiedler beschränkt wurde, denn die in Lagern auf Ihre Ansiedlung wartenden Menschen mußten erst auf die Höfe verteilt werden. Dieses dauerte bis 1789 und länger. Aber schon 1790 starb Kaiser Josef II. und damit endete die sogenannte josefinische Einwanderung.

 

2.2 Wiesenberg nach der Ansiedlung

In der Wiesenberger Chronik sind die ersten 45 Ansiedler namentlich mit ihren Ehefrauen genannt. In den beiden kreuzförmig angelegten Straßen wurden 46 Höfe eingerichtet, aber nur 45 davon wurden zunächst besiedelt. Eine Hofstelle, die Nr. 13 war für ein Schulgebäude vorgesehen.

Die Bauart des ursprünglichen Typs der Siedlungshäuser in Wiesenberg entspricht weitgehend einem Plan von 1772, der für den Ort Brigidau in Galizien überliefert ist. Auf einer Fläche von 13,4 mal 6,4 Meter, das entspricht etwa 85 m2, betrug die Wohnfläche von Stube und Kammer zusammen nur etwa 50 m2. Zwischen beiden Zimmern befand sich das sogenannte Vorhaus mit dem Treppenaufgang zum Dachboden. Im hinteren Teil des Vorhauses war die Küche mit einer offenen Feuerstelle unter einem Rauchfang. Dieser Rauchfang wurde auch als Räucherkammer für das Haltbarmachen von Fleisch und Wurst benutzt. Ebenfalls im Vorhaus befand sich der Backofen, denn bis zuletzt haben die Wiesenberger ihr Brot selbst gebacken. Auf dem Dachboden, dem so genannten Fruchtspeicher, wurden die Getreidevorräte gelagert. Die ersten Siedlungshäuser in Wiesenberg waren aus Lehm gebaut und mit Stroh gedeckt. In späterer Zeit wurden viele dieser Häuser umgebaut, erweitert und neu gebaut, denn nach heutigen Maßstäben waren die ersten Siedlungshäuser sehr bescheidene Hütten.

Ausführlich werden in der Chronik die Ansiedlungsbedingungen geschildert, die ja für die Bauern die Existenzgrundlage bildeten: "Ein jeder Ansiedler bekam 16 Joch = 9 ha () Feld und Wiesen. Die eine Hälfte war guter, die andere nasser, weniger fruchtbarer Boden. Jeder bekam 2 Pferde, 2 Kühe, 1 Wagen und sonstiges Wirtschaftsgerät, sowie auch sämtliches Getreide zum Anbauen. Außerdem wurden ihnen noch einige Joch Wiesen zur Hengst- und Bullenhaltung, sowie auch einige Joch schlechter Weide als Gemeindeeigentum beigegeben." Anzumerken ist, daß der nasse Boden - er lag unterhalb eines "Haray" genannten Abhanges - im Lauf der Zeit mit Hilfe von Kanälen von den Siedlern trockengelegt und urbar gemacht wurde.

Einige der ankommenden Familien kamen offensichtlich mit bereits erwachsenen Kindern und haben sich mehrere Höfe für ihre Familienangehörigen gesichert. So kommen in der Liste die Namen Frey, Post, Schmidt und Weber doppelt vor, Engel und Bommersbach sind sogar dreifach vertreten. Die meisten Namen der ersten Ansiedler finden sich auch in den Listen wieder, die in Wien und Mährisch-Neustadt (bei Olmütz) zur Registrierung der Ansiedler geführt wurden. In diesen Listen steht der Name des Ansiedlers in seiner Eigenschaft als Familienoberhaupt, sein Beruf, sowie die Anzahl der mitreisenden Personen. Meistens wird auch der Ort in Deutschland genannt, aus denen die Ansiedler stammen, was für die Familienforschung ein wertvoller Hinweis ist. Wenn wir uns die Herkunftsorte der Wiesenberger Ansiedler anschauen, so fällt auf, daß ein bedeutender Teil aus dem heutigen Saarland kommt. Das mag erklären, warum der Wiesenberger Dialekt dem Saarländischen sehr ähnlich ist.

Von den 45 Ansiedlerfamilien Wiesenbergs sind 27 in diesen Listen zu finden. 16 Familien wurden allein im Jahre 1784 registriert, 9 Familien im Jahre 1785. Daraus kann man den Schluß ziehen, daß die meisten Ansiedler erst 1784 und später in Wiesenberg angekommen sind, aber man kann auch schlußfolgern, daß vorher keine ordentliche Registrierung erfolgte.

Nach Schaffung der gesetzlichen Grundlagen im Herbst 1781 konnten frühestens 1782 die ersten organisierten Ansiedlungen in Galizien erfolgt sein. Andererseits berichtet die Wiesenberger Chronik, daß in den Jahren 1781-83 die Kolonisten die katholische Kirche in Kulikow besuchten und für die nächsten zwei Jahre in der griechisch-katholischen Kirche in Mierzwica den katholischen Gottesdienst feierten.

Die österreichischen Ansiedlungsbehörden achteten darauf, daß die neuen Kolonien nach der Konfession ihrer Bewohner getrennt angelegt wurden. Wiesenberg war römisch-katholisch, andere deutsche Kolonien waren evangelisch oder mennonitisch. Die Religion der ukrainischen Landbevölkerung war griechisch-katholisch, während die vorwiegend in den Städten lebenden Polen römisch-katholisch waren. Nicht vergessen darf man, daß in Galizien auch viele Juden lebten, die sich nicht nur durch ihre Religion, sondern auch durch eigene Sprache und Kultur von der übrigen Bevölkerung unterschieden.

Aus der Zahl der genannten Familienangehörigen kann man ableiten, daß Wiesenberg kurz nach seiner Gründung etwa 200 Einwohner gehabt haben muß. Aber in den ersten Jahren nach der Ansiedlung haben viele der Ansiedler den Ort wieder verlassen. Es ist heute kaum zu ermessen, wie hart und entbehrungsreich die ersten Jahre in dem fremden Land mit einem andersartigen Klima gewesen sein müssen. In der Steuerliste von 1830 sind 15 der ursprünglich 37 Ansiedlernamen nicht mehr verzeichnet. Nur in zwei Fällen erfolgte ein Namenswechsel, weil offenbar kein männlicher Nachfolger vorhanden war, sondern ein Schwiegersohn den Hof übernahm.

Die Nachkommen der ersten Ansiedler haben bald Land von den ukrainischen Bauern dazu gekauft und in Wiesenberg neue Höfe gegründet. Manche kauften auch Grundstücke im benachbarten Mierzwica. Während der 159 Jahre langen deutschen Besiedlung kamen in Wiesenberg zu den ersten 46 Höfen etwa 36 neue Höfe dazu und 16 der ursprünglichen Höfe wurden im Laufe der Zeit geteilt. Demnach hat es am Ende der Besiedlung in Wiesenberg mindestens 98 Hofstellen gegeben. Tatsächlich ist die höchste bekannte Hausnummer in Wiesenberg die Nummer 98 im Ortsteil Batjarówka gewesen. Schließlich hatte Wiesenberg im Jahre 1939 eine Zahl von mehr als 500 Einwohnern erreicht. Hinzu kamen noch 43 von Deutschen bewohnte Häuser mit vielleicht 200 Menschen in dem ukrainischen Ort Mierzwica.

Der erste Pfarrer, der die Wiesenberger betreute, hieß Lange und war eigentlich als Aushilfspfarrer in Kulików tätig. Er veranlaßte schon 1785 den Bau der ersten Kapelle in Wiesenberg im sogenannten Pfarrgarten. Diese Kapelle war gebaut wie alle Kolonistenhäuser und hatte nur an der Stelle des Rauchfangs eine Glocke. Wie auch die spätere wiesenberger Kirche war sie dem Erzengel Michael geweiht. Der als "Pfarrgarten" bezeichnete Ort könnte der im Jahre 1830 als Wohnung des Pfarrers bezeichnete Hof Nr. 48 am westlichen Ortsausgang gewesen sein.

Etwa 30 Jahre nach der Ortsgründung, im Jahre 1817, bereiste Kaiser Franz I. mit seiner Gemahlin Karoline Auguste das Kronland Galizien. Als Franz II. hatte er 1806 die römische Kaiserkrone niedergelegt und trug ab 1804 den Namen Franz I. als Kaiser von Österreich. Eine Abordnung der Wiesenberger unter der Leitung von Anton Weber bat bei dieser Gelegenheit um einen eigenen Pfarrer und um eine Schule mit dem Ergebnis, daß schon 1818 der erste Pfarrer Franziskus Bartomik seine Arbeit aufnahm und im gleichen Jahr eine Schule auf Staatskosten gebaut wurde. Auch ein eigener Friedhofsacker am nördlichen Dorfrand wurde gekauft. Vorher wurden die Deutschen auf dem Friedhof in Mierzwica beerdigt.

Mit Einrichtung der Pfarrstelle beginnt offensichtlich auch die Aufzeichnung der Geburten, Heiraten und Sterbefälle speziell für Wiesenberg, denn die in Lemberg aufbewahrte Zweitschrift des Kirchenbuches beginnt mit dem Jahrgang 1821.

Die Eintragungen in den Kirchenbüchern zeigen, daß sich zu den Bewohnern von weiteren katholischen deutschen Orten im Umkreis von bis zu 50 km im Lauf der Zeit verwandtschaftliche Beziehungen entwickelten. Dies gilt besonders für die Orte Bruckenthal, Ottenhausen, Weissenberg und Mokrotyn.

Im Jahre 1839 wurde eine neue Kirche in der Mitte des Ortes gebaut und am 29. September des gleichen Jahres dem Heiligen Erzengel Michael geweiht. Auf alten Fotos der Wiesenberger Kirche kann man über dem Kircheneingang eine Figur des Erzengels erkennen. 1850 wurde eine neue Schule gleich neben der Kirche am Hof Nr. 29 gebaut und die schon früher auf der anderen Straßenseite gebaute Schule wurde als Pfarrhaus bestimmt. Die Kirche wurde dann im Jahre 1930 renoviert und mit einem Anbau versehen.

 

2.3 Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg

Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg muß für Galizien eine wirtschaftlich sehr schwierige Zeit gewesen sein. Viele Wiesenberger wanderten damals nach Kanada aus. Berichtet wird aber auch von Bauern, die ihr Hab und Gut beim Kartenspiel verspielt und vertrunken haben sollen.

Im Jahre 1863 (oder 1869?) wurde die Schule, welche bis dahin eine Privatschule war, durch Beschluß des Gemeinderates in eine Staatsschule mit deutscher Unterrichtssprache umgewandelt. Das geschah zu einer Zeit, als die Monarchie nach den Revolutionen von 1848 den vielen Völkern ihres Staates große Zugeständnisse zur Selbstverwaltung machte. Für die Deutschen im ehemaligen Polen und später im neu gegründeten polnischen Staat bedeutete dies, daß in den Schulen und Kirchen der Gebrauch der deutschen Sprache zurückgedrängt wurde. In der Folgezeit bis zur Aussiedlung 1940 war dies die Ursache für ein gespanntes Verhältnis zwischen den polnischen Behörden und den deutschen Siedlern.

Der "Bund der christlichen Deutschen in Galizien", der 1907 gegründet wurde, war in der Folgezeit eine wertvolle Hilfe bei den Bemühungen, die deutschen Sprache und Kultur gegenüber den polnischen Behörden zu vertreten und zu verteidigen. Aber auch innerhalb der deutschen Volksgruppe gab es Streit um den richtigen Weg, als Deutscher in dem polnischen Staat zu leben.

Aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg berichtet die Chronik von einem verheerenden Brand in Wiesenberg: "In den Junitagen, zu Pfingstsonnabend 1908, brach in der Gemeinde ein großes Feuer aus, wobei vier vollkommene Wirtschaften, die Häuser Nr. 15, 14, 12 und Nr. 78, sowie auch das Gemeindehäuschen den Flammen zum Opfer fielen. Auch ein sechsjähriges Kind der Eltern Martin und Elisabeth Knara wurde ein Opfer der Flammen". Die Wiesenberger reagierten schnell: Noch im gleichen Jahr wurde eine Feuerlöschspritze im Wert von 1186 Kronen angeschafft.

 

2.4 Der Erste Weltkrieg

Die Ereignisse im Ersten Weltkrieg werden in der Chronik wie folgt beschrieben:

"Während des Weltkrieges 1914-1918 hat die Gemeinde auch viel gelitten. Vor dem Einmarsch der Russen waren die Einwohner zweimal bis nach Lemberg geflüchtet. Der größte Teil kehrte aber nach zwei Tagen wieder zurück. Einige Familien flüchteten bis nach Oberösterreich und kehrten erst nach einem Jahr zurück. Während der Abwesenheit der Einwohner wurde fast sämtliches Vieh von einer ungarischen Truppe geraubt. Galizien, so auch die Gemeinde Wiesenberg, war von Oktober 1914 bis Juni 1915 von den Russen besetzt. Von den Russen ist der Gemeinde nicht viel Leid zugefügt worden. Nur beim Rückzug mußten alle Männer von 18 bis 50 Jahren mit Pferd und Wagen nach Żółkiew, um von dort nach Rußland gebracht zu werden. Durch den schnellen Einmarsch der Deutschen wurde aber dieses Vorhaben vereitelt. Der Bürgermeister Martin Zimmermann und der Bauer Franz Mann wurden nach Rußland verschleppt, kehrten aber nach Beendigung des Krieges wieder zurück." In der Chronik werden dann 16 wiesenberger Männer namentlich genannt, die im ersten Weltkrieg als Soldaten für die Monarchie Österreich-Ungarn gefallen sind.

Auch in der Nähe Wiesenbergs, am deutschen Steinkopf, fanden während des Ersten Weltkrieges Kämpfe statt. Bewohner von Wiesenberg sorgten für die Verwundeten und bestatteten die Toten. Auf dem Steinkopf wurde später ein Denkmal errichtet und jedes Jahr zu Allerseelen wurde an diesem Denkmal der Gefallenen gedacht.

Aber in Galizien dauerte der Erste Weltkrieg länger als in anderen Teilen Europas. Von 1918 bis 1919 kämpften im polnisch-ukrainischen Krieg die Ukrainer vergeblich für ihre Unabhängigkeit. Auch bei dieser Auseinandersetzung wurde in Wiesenberg das Vieh ohne Gegenleistung aus den Ställen geholt.

Aus dieser Zeit gibt es eine für die Kriegsmoral der Soldaten und Offiziere bezeichnende Episode zu berichten: Meine Großmutter Elisabeth, geborene Klusa, bewahrte eine Taschenuhr mit dem in Österreich bekannten Markennamen "Roßkopp" in einer Tasse auf dem Küchenregal auf. Ein ukrainischer Soldat muß von diesem Versteck erfahren haben. Er kam eines Tages in das Haus meiner Großeltern, ging ohne Umwege zum Küchenregal, nahm die Uhr aus der Tasse und verschwand damit. Meine Großmutter ging zum Bürgermeister (Martin Zimmermann, genannt "Böhm"), bei dem der Kommandant einquartiert war, und beschwerte sich. Die Reaktion des ukrainischen Kommandanten war: "Wenn ich Gelegenheit zum Stehlen habe, stehle ich auch".

 

2.5 Die Zeit im polnischen Staat

Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, als Galizien Teil des polnischen Staates war, ist ebenfalls nicht einfach für die Deutschen gewesen. Aber es war die Zeit, auf die sich die Erinnerungen der Nachkriegsgeneration beziehen. Besonders unter dem Eindruck der Reisen, die manche der alten Wiesenberger seit den neunziger Jahren in die alte Heimat unternommen haben, wird immer wieder davon erzählt, wie schön es doch damals in Wiesenberg war und wie wenig davon heute noch zu sehen ist. In der Chronik wird das Wiesenberg von damals so beschrieben:

"Es gab vier breite Gassen, an denen auf beiden Seiten Häuser standen. Hinter den Häusern standen die Scheunen und dazwischen seitwärts die Stallungen und die anderen Wirtschaftsgebäude. Der Hof war von den Gebäuden eingeschlossen und bildete ein regelrechtes Viereck. Die Häuser standen nicht direkt an der Straße, so daß überall vor dem Hause ein kleiner Blumengarten angelegt war. Die Bauparzelle mit dem daneben und dahinter liegenden Garten war ein Joch groß, das ist etwa ein halber Hektar. Das Anwesen war mit einem Lattenzaun umgeben und in den Gärten standen viele Obstbäume.

Die Häuser waren zum größten Teil aus Holz, einige auch aus Mauersteinen. Das Dach war mit Blech, teils auch noch mit Stroh gedeckt. Die Scheune war aus Holz mit Strohdach, die Stallungen aus Holz, zum Teil auch aus Mauersteinen mit einer Bedachung aus Stroh oder Blech".

Die Breite des Hofes an der Straßenseite betrug 42 m. Anscheinend wurde von Anfang an nur die halbe Breite des Grundstückes als Hof genutzt, die andere Hälfte war Garten. Dadurch konnte später die Gartenseite als zweite Hofstelle für die Kinder eingerichtet werden.

Wasser schöpften die Wiesenberger aus vier bis zu 40 m tiefen Ziehbrunnen. Es befand sich jeweils einer auf den vier von der Kirche ausgehenden Straßen, zum Beispiel "Heils Brunne" vor dem Hof Nr. 4 des Josef Heil. Elektrischen Strom gab es in Wiesenberg bis 1940 nicht. Die Beleuchtung erfolgte mit Petroleumlampen.

Besonders auffällig für die späteren Besucher war, daß die Umzäunung der Höfe mit der traditionellen Bank im Garten vor dem Haus nicht mehr vorhanden war. Wahrscheinlich wurden die Zäune, ebenso wie die Holzkreuze auf dem Friedhof, in den entbehrungsreichen Jahren nach dem Krieg als Brennholz verwendet. Das Schulgebäude in Wiesenberg, das 1999 noch vorhanden war, bestand aus einem Klassenraum und aus der Wohnung des Lehrers. Das Haus war aber nicht viel größer als die anderen Siedlungshäuser. In der Zeit zwischen den Kriegen wurden die Klassen 1 und 2 sowie 3 und 4 jeweils zusammen vom gleichen Lehrer unterrichtet, die einen vormittags, die anderen nachmittags.

Aus dieser Zeit berichtet die Chronik ausführlich über die Einführung fortschrittlicher Methoden in der Landwirtschaft, denn den Auftrag des Kaisers Joseph II. bei der Gründung des Ortes, dem umliegenden Land ein Beispiel für modernes Wirtschaften zu geben, diesen Auftrag hat Wiesenberg bis zuletzt erfüllt. Im Jahre 1928 wurde der Spar- und Darlehenskassenverein für die Deutschen in Wiesenberg und Umgebung gegründet. Mit seiner Hilfe wurde ein 15 m langes und 10 m breites Haus für Veranstaltungen der Dorfgemeinschaft gebaut. Am 16. Oktober 1930 wurde das so genannte "Deutsche Haus" mit der Aufführung des Stückes "Die Ansiedler" und mit einer Tanzveranstaltung eingeweiht - und für Tanzveranstaltungen wird dieses Haus bis heute noch genutzt.

Im Jahre 1933 erfolgte die Gründung einer Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaft. Nicht nur die meisten Wiesenberger, sondern auch ein großer Teil der Deutschen aus Mierzwica kauften in der Genossenschaft ein. Die Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaft zählte 48 Mitglieder, der Spar- und Darlehensvereins hatte 150 Mitglieder und in dem Verband Deutscher Katholiken waren 115 Mitglieder organisiert. Diese Organisierung in Verbänden war für die Wiesenberger auch eine Hilfe beim Kampf um den Erhalt ihres Deutschtums.

Aus den letzten Jahren vor dem Krieg berichtet die Chronik zu diesem problematischen Thema: "Auf dem Gebiet Schule war es für die Zukunft trostlos. Die Vortragssprache war polnisch, deutsch wurde nur ganz wenig gelehrt. Der Lehrer war Pole und konnte nur sehr schwach deutsch. Der Geist in der Schule war polnisch. Was die Kirche betrifft, war es nicht viel besser. So gab es fast keine polnischen Kirchenbesucher und doch war die Andacht halb deutsch und halb polnisch. Alle Einwände bei der Kirchenbehörde waren vergebens, weil es wieder Deutsche waren, welche für eine halb polnische Andacht eintraten." Aus dieser Zeit wird von anderer Seite aber berichtet, daß der Organist Johann Müller (1902-1951) zu den Wiesenbergern sagte: "Ich bin zwar verpflichtet, die Lieder auf polnisch anzustimmen, aber ich habe nichts dagegen, wenn Ihr die Lieder auf deutsch singt".

Eine weitere Maßnahme der Polonisierung war dann die Umbenennung Wiesenbergs im Jahre 1938 in "Czerwony Kamień" (Roter Stein). Dennoch ist bei dieser Problematik der Polonisierung zu unterscheiden zwischen dem von Nationalismus geprägten Vorgehen der polnischen Behörden und dem durchaus kameradschaftlichen und freundschaftlichen Verhältnis zwischen Deutschen, Ukrainern, Polen und Juden auf der Ebene der einfachen Menschen. Im übrigen war in jener Zeit der staatlich propagierte Nationalismus nicht nur in Polen zu finden. Der "National"-Sozialismus Deutschlands löste ja schließlich den zweiten Weltkrieg aus.

2.6 Der zweite Weltkrieg und die Umsiedlung

Am Beginn des Zweiten Weltkrieges, mit dem Überfall Deutschlands auf Polen ging die Geschichte des deutschen Ortes Wiesenberg zu Ende. Gleich am ersten Tag des Krieges, am 1. September 1939, 11 Uhr, fiel eine Frau aus Wiesenberg (Katharina Kosak, geb. Zimmermann) dem ersten deutschen Bombenangriff auf Lemberg zum Opfer. Die Zahl der Opfer und Gefallenen sollte bald die Zahl des ersten Weltkrieges weit übersteigen.

Bei Ausbruch des Krieges wurden vier Wiesenberger Männer, die in der deutschen Volksgruppe führend waren, von den Polen verhaftet und in das polnische Konzentrationslager Bereza kartuska gebracht. Sie kamen drei Wochen später, nach dem Zusammenbruch des polnischen Staates, alle wieder zurück.

Auch die Wiesenberger bekamen bald die Willkür verhetzter polnischer Nationalisten zu spüren: Am 8. September 1939 wurde durch polnische Polizei und paramilitärische "Schützen" (Strzelcy) das Dorf umzingelt und die Bewohner in dem Hohlweg, der in Richtung Steinkopf führt, zusammengetrieben. Es wurden Hausdurchsuchungen durchgeführt, bei denen teilweise auch Wohnungseinrichtungen zerstört und verwüstet wurden. Männer, die noch zu Hause waren, wurden zusammengeschlagen. Angeblich wurde nach Waffen gesucht, die deutsche Flugzeuge abgeworfen haben sollen. Es wurde aber nichts gefunden, außer einigen Pistolen, zu denen die Männer Waffenscheine hatten. Der polnische Pfarrer von Wiesenberg, Eduard Wiśniewski, stellte sich schützend vor seine Gemeinde und versuchte zu vermitteln. Die Frauen und Kinder, die im Hohlweg festgehalten wurden, durften erst nach mehreren Stunden wieder in ihre Häuser zurückkehren.

Die Großmächte Deutschland und Sowjetunion teilten nun Polen ein weiteres mal, indem die Russen den östlichen Teil Galiziens bis zum Fluß San noch vor Beendigung des Polenkrieges besetzten. Unter diesen Umständen nutzten die meisten Deutschen das Angebot der deutschen Regierung, in das Deutsche Reich umzusiedeln. Die Chronik nennt 104 Familien mit Namen, die aus Wiesenberg ausgesiedelt wurden. Man kann wohl sagen, daß die Deutschen in Galizien durch den jahrzehntelangen Kampf um den Erhalt ihrer deutschen Eigenart innerlich schon darauf vorbereitet waren, diesen schweren Schritt zum Verlassen ihrer Heimat zu tun.

Anton Engel erinnert sich: "Am 8. Dezember 1939 kam aus Lemberg eine deutsch-russische Kommission, um alle Deutschen zu erfassen, samt Hab und Gut. Dazu kamen auch alle Deutschen der umliegenden Dörfer: Mierzwica, Skwarzawa, Macoszyn und Soposzyn. Am 11.01.1940 traten Frauen und Kinder sowie Alte und Kranke in Güterwagen der Eisenbahn bei minus 30 Grad die Reise an. Pfarrer Wiśniewski ging mit ihnen. Wiesenberg war aber auch die zentrale Sammelstelle für alle, die mit dem Pferdetreck auf die Reise gingen. Am 12.01.1940 war das Dorf voller Fuhrwerke, das Signal zur Abfahrt war das Läuten aller Glocken". Dieser Abschied war auch für die ukrainischen Nachbarn bewegend und schmerzlich, denn sie wußten, daß ihnen eine schwere Zukunft unter russischer Herrschaft bevorstand. In der Art, wie sich die Ukrainer und Polen von Ihren deutschen Nachbarn, die ja vielfach ihre Arbeitgeber waren, verabschiedeten, zeigte sich ihre Betroffenheit, aber auch die Wertschätzung, die sie den Deutschen entgegenbrachten.

Mit der Umsiedlung begann für die Wiesenberger wie für alle Galiziendeutschen ein schwerer Weg, der sie zunächst für wenige Jahre im Warthegau, in der Gegend um Lodz und Kalisch, in einer neuen Nachbarschaft zusammenführte, aber dann mit der Flucht im Januar 1945 schließlich über ganz Deutschland zerstreute.

Ein Teil der Wiesenberger und manche Bewohner der deutschen Nachbarorte Bruckenthal, Weissenberg, Ottenhausen und Münchenthal wurden in der Umgebung von Ostrau bei Halle als Neubauern angesiedelt und fanden dort manche ihrer alten Nachbarn wieder. Das hat bewirkt, daß sich einige der galiziendeutschen Bräuche bis in die heutige Zeit halten konnten. Am deutlichsten zeigt sich das, wenn einer von den alten Wiesenbergern zu Grabe getragen wird. Dann wird das Lied angestimmt "Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh". Dieses Lied bezeugt die Sehnsucht von Menschen nach einer unverlierbaren Heimat, weil sie im Verlauf der Geschichte immer wieder ihre Heimat verlassen mußten.

Es war nach dem Krieg nicht ungewöhnlich, daß sich die Flüchtlinge in einer rein evangelischen Gegend ihre eigene katholische Kirche bauten. Die katholische Kirche von Ostrau aber, als Kirche der Galiziendeutschen, dürfte eine Besonderheit in Deutschland sein.

 

3. Sprache und Kultur in Wiesenberg

3.1 Schule und deutsche Sprache

Man kann sich vorstellen, daß die Ansiedler von Wiesenberg die ersten Jahre nach der Ortsgründung mit dem Aufbau ihrer Höfe genug zu tun hatten, aber schon 1790 richteten sie eine Winterschule in einem Privathaus ein und bestimmten einen Siedler aus Ihren Reihen als Lehrer. Im Jahre 1818 wurde dann neben der Siedlungsnummer 17 eine Schule gebaut. Diese Schule war eine Privatschule, daß heißt, die Gemeinde mußte für den Unterhalt des Lehrers aufkommen. Es war damals üblich, dem Pfarrer und dem Lehrer vom Ertrag der Landwirtschaft etwas abzugeben. "Und wird im Dorf ein Schwein geschlacht´, dann kann man sehen wie er lacht..." - so heißt es in dem Lied vom armen Dorfschulmeisterlein. Aber Pfarrer und Lehrer haben auch mit eigener Landwirtschaft zu Ihrem bescheidenen Einkommen beigetragen.

Als erster bekannter Lehrer wird in der Chronik Johann Mann genannt, welcher von 1845 bis 1861 in Wiesenberg wirkte. Nach ihm wird Franz Mann von 1862 bis 1870 als Lehrer genannt. In seiner Zeit wurde die Privatschule in eine staatliche Schule umgewandelt. Nach 1870 wirkten nacheinander vier polnische Lehrer in Wiesenberg. Sie versuchten, die polnische Sprache in der Schule durchzusetzen, bis im Jahre 1875 Martin Zimmermann, ein Lehrer aus Wiesenberg, wieder den deutschen Unterricht in der Schule einführte.

Nach ihm wurde im Jahre 1886 wieder ein geborener Wiesenberger Lehrer in seinem Heimatort. Die Chronik schreibt dazu: "Der Lehrer Johann Lang war in der Gemeinde sehr beliebt. Er war nicht nur ein guter Lehrer, sondern darüber hinaus noch ein gerechter Ratgeber und ein getreuer und gewissenhafter Helfer bei Krankheiten, Tierkrankheiten und Unglücksfällen. Er bekleidete die Lehrerstelle 22 Jahre lang und starb im Jahre 1908".

Nachfolger auf seiner Stelle wurde dann sein Sohn Wilhelm Lang, der versuchte, die Forderungen des polnischen Staates in der Schulbildung durchzusetzen, aber andererseits vielleicht manches Schlimmere verhindert hat. Er wurde 1936, offensichtlich wegen seiner Weigerung, den polnischen Unterricht einzuführen, nach Zólkiew versetzt. Der letzte Lehrer in Wiesenberg (1936-39) war ein Pole mit Namen Piotrowski, der nur schlecht deutsch sprach. Er gründete einen polnischen Schützenverein (Strzelcy) in Wiesenberg. Unter diesen Umständen war in Wiesenberg der Unterricht in deutscher Sprache kaum noch möglich.

Es zeigte sich also, daß der Beschluß des Gemeinderates, die Schule in eine Staatsschule umzuwandeln, eine zumindest kurzsichtige Entscheidung war, in deren Folge in der Schule und auch in der Kirche der Gebrauch der deutschen Sprache immer mehr zurückgedrängt wurde. Andererseits gehörte Wiesenberg zu den wenigen deutsch-katholischen Siedlungen, in denen der deutschsprachige Unterricht bis zuletzt noch möglich war. Dieser deutsche Unterricht war jedoch auf die Klassen 1 bis 4 beschränkt. Offiziell bestand in Polen aber Schulpflicht bis zur 7. Klasse. Zum Besuch der 5. bis 7. Klasse mußten die Kinder zur polnischen Schule in die 3 km entfernte Kleinstadt Kulikow laufen. Die Eltern organisierten meistens einen Fahrdienst mit einem Pferdefuhrwerk in die Schule, aber viele der Mädchen in Wiesenberg nahmen diese "weiterführende" Schule nicht in Anspruch.

Deutsch und Polnisch wurden in der Wiesenberger Schule also mit wechselndem Anteil und sicher auch mit unterschiedlichem Erfolg gelehrt. Es ist zu vermuten, daß manche der jüngeren Kinder im polnischen Unterricht nichts verstanden. Sie hatten ja schon im Deutschunterricht die Aufgabe, das Hochdeutsche gleichsam wie eine Fremdsprache zu lernen. Die Lehrer stammten in der Regel auch aus Wiesenberg und sprachen zu Hause pfälzisch. Aber in der Schule wurde hochdeutsch gesprochen und von den Schülern hochdeutsch gelesen. Der Pfarrer Wiśniewski, der aus Posen stammte, sprach und predigte hochdeutsch. Die Juden Galiziens sprachen untereinander jiddisch, aber die beiden in Wiesenberg wohnenden jüdischen Händler benutzten im Gespräch mit den Wiesenbergern deren pfälzischen Dialekt. Einer von ihnen hieß Naftula Silberstein und fuhr, so wie der Milchmann Tewje aus dem Musical, mit seinem Pferdewagen jeden Morgen die Milch nach Lemberg. Auch manche der benachbarten Ukrainer, die als Knechte und Mägde in Wiesenberg arbeiteten, konnten pfälzisch.

Die meisten Wiesenberger lernten schon als Kinder im Umgang mit Ihren Nachbarn die polnische, ukrainische und zum Teil auch die jiddische Sprache. Das trifft vor allem auf die männlichen Wiesenberger zu, die zur Berufsausbildung oder zur Arbeit täglich mit der Bahn nach Lemberg fuhren.

Aber die Muttersprache für die Deutschen in Wiesenberg war das Pfälzische. Diese Sprache wird auch Moselfränkisch genannt und geht zurück auf den germanischen Stamm der Franken, die das Gebiet westlich des Rheins seit etwa 500 nach Christus beherrschten. Vorher gab es in der Gegend um Trier den germanischen Stamm der Treverer und auch viele römische Legionäre und Beamte. Die Galiziendeutschen können ihre Herkunft letztendlich auf ein buntes Völkergemisch zurückführen, denn Wilhelm Heinrich Riehl schreibt in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts über die ethnologische Herkunft der Pfälzer: "Ziehen wir die Summe unserer pfälzischen Völkertafel, so ist der erste Eindruck ein verwirrendes Gemisch: Kelten, Vangionen, Nemeter, Burgunder, Römer, Juden - der verwüstend durchstreifenden Alanen, Hunnen usw. gar nicht zu gedenken -, Alemannen, zweierlei Franken, Slawen, Friesen, moderne Franzosen, Holländer, Zigeuner und so fort. . ." (DuMont Kunst-Reiseführer "Pfalz" 1978). Um 1700 wanderten zudem Tiroler und Schweizer in die Pfalz ein, die auch in den Kirchenbüchern als Stammväter von Galiziendeutschen nachgewiesen wurden.

Die Wiesenberger nannten ihre Sprache aber "Schwewisch", das heißt "Schwäbisch" und sich selbst nannten sie "Schwowe", das heißt "Schwaben". In Osteuropa wurden nämlich alle dort wohnenden Deutschen als Schwaben bezeichnet, weil es vorwiegend Schwaben waren, die nach den Türkenkriegen entlang der Donau den Südosten Europas besiedelt hatten.

Die Wiesenberger Mundart, die dem Saarländischen sehr ähnlich ist, gehörte nach dem Verständnis der Wiesenberger zu der Variante der "E-Schwowe". In anderen Orten Galiziens gab es die "A-Schwowe" und die "O-Schwowe", meistens erklärt an dem Beispiel für "nach Hause gehen" - "mer gehn (wir gehen) hem, mer gehn ham ore (oder) mer gehn hom". Im übrigen wurde in Wiesenberg nicht gesagt "der spricht hochdeutsch", sondern "der red no de Schrift". Das ist auch ein Hinweis darauf, daß man sich nur in der Schule mit Hilfe von hochdeutschen Büchern bemühte, hochdeutsch zu sprechen.

 

Manche der polnischen Ortsnamen in der Umgebung Wiesenbergs wurden "eingedeutscht", d.h. an die pfälzische Mundart angepaßt. So wurden die Bruckenthaler auch "Kornuwer" genannt nach dem Namen des Bruckenthal benachbarten polnischen Ortes Choronów. Der neben Wiesenberg liegende Ort Mierzwica (ukrainisch Merwitschi), in dem viele Deutsche wohnten, wurde Meerwitz oder das "Polisch Dorf" genannt, obwohl nicht Polen, sondern Ukrainer dort lebten. Weitere benachbarte Orte wurden folgendermaßen umbenannt: Kwaran für Skwarzawa, Gottstift für Kościejów, Matschin für Macoszyn, Supschin für Soposzyn, Gulguw für Kulików (Kulikiv) oder Schulguw für die Kreisstadt Żółkiew (Shovkva).

 

3.2 Sitten und Gebräuche

Ein eigenes Kapitel der Chronik beschäftigt sich mit den Sitten und Gebräuchen der Wiesenberger, die ja meistens noch aus der deutschen Heimat überliefert waren.

Die "Kerb" (Kirmes) fand immer Mitte Oktober statt. Sie dauerte zwei Tage, früher drei Tage. Vor 1900 wurde der "Kerwebaam" aufgerichtet und geschmückt. Später gab nur noch den "Kerwekranz", geschmückt mit Bändern, behangen mit Äpfeln, Nüssen und dergleichen. Am letzten Tage der Kerb wurde der Kranz versteigert und der Erlös dafür verzecht. Aber manchen Jugendlichen war es nicht genug, nur eine Kirmes im Jahr zu feiern. Sie gingen oder fuhren oft weite Wege, um in einem deutschen Nachbarort nochmals zu feiern.

Zu Pfingsten war es üblich, daß derjenige, welcher mit seinen Pferden oder Kühen zuletzt auf die Weide kam, als "Pingschtelämmer" ausgerufen wurde. Er bekam einen Kranz mit Disteln und Brennesseln auf den Kopf, ein Strohband um den Bauch und mußte so durchs Dorf reiten oder gehen. Er wurde mit Spottliedern von seinen Kameraden bis nach Hause geleitet. Auch wurde von den Burschen den Mädchen in der Vorpfingstnacht Häcksel in den Blumengarten gestreut. So manches Mädchen bekam auch noch einen ausgestopften Strohmann auf das Scheunendach gesetzt.

Zu Weihnachten zog eine Gruppe von Burschen mit einem Herodesspiel von Haus zu Haus. Die Mädchen machten es ebenso mit dem Christkindspiel, wobei das Christkind die Geschenke an die Kinder austeilte. In der Neujahrsnacht zogen Jugendgruppen wie auch Erwachsene zu ihren Verwandten und Bekannten und sangen das Neujahrslied. Der Neujahrswunsch wurde noch durch Schießen bekräftigt. Die Sänger wurden ins Haus gebeten und bewirtet, wobei auch der Schnaps nicht fehlte. In der letzten Zeit war man auch von dieser Sitte abgekommen. Am Silvesterabend versammelten sich fast alle im "Deutschen Haus", wo dann auch die Glückwünsche zum Neujahr ausgetauscht wurden. Im Deutschen Haus in Wiesenberg spielte eine eigene Musikkapelle zum Tanz auf. Berichtet wird, daß der Geiger der Musikkapelle ein Jude gewesen sein soll, der "Sisiu" genannt wurde.

Was die Hochzeitsfeier betrifft, so hatte sich in letzter Zeit manches geändert. Früher waren es zwei Hochzeitsbitter, welche mit Blumensträußchen geschmückt, in der Nacht umherzogen und die Gäste zur Hochzeit baten. Zuletzt wurde dieser Dienst von den Brautmädchen verrichtet. Das Brautpaar wurde mit Musik bei Teilnahme aller Gäste zur Kirche begleitet. Die Ministranten spannten vor dem Kircheneingang einen Strick und der Bräutigam mußte sich den Weg freikaufen. Nach der Trauung zu Hause angekommen, tanzte das Brautpaar drei kurze Stücke vor dem Hause, bevor es zum Festessen kam. Bei dem Festschmaus wurde der Braut ein Schuh entwendet, den die Brautführer loskaufen mußten. Die Braut wurde spät in der Nacht im Kreise der Jugendlichen bei Gesang von Hochzeitsliedern ihres Brautschmuckes (Margarethenkranz und Schleier) entledigt. Der Bräutigam war auf der Hut, sich die Braut nicht wegstehlen zu lassen. Es kam aber doch immer dazu, daß man sie entführte. Der arme Bräutigam sah sich genötigt, seine ihm anvertraute Gattin frei zu kaufen.

Wie es in katholischen Orten früher üblich war, wurde in Wiesenberg nicht der Geburtstag, sondern der Namenstag gefeiert, aber eher in bescheidenem Maße im Vergleich zu heutigen Geburtstagsfeiern. Der Nachbar auf der Straße wurde mit "Helf Gott" begrüßt und die Antwort lautete: "Groß Dank". Erwähnt werden soll noch, daß die Altersvorsorge in Wiesenberg in der Weise geregelt war, daß bei Übernahme des Hofes durch den Sohn oder Schwiegersohn die Eltern in ein eigenes Zimmer zogen, das "Vorbehalt" genannt wurde, weil es bei der Eheschließung der Kinder so vereinbart wurde. In der Regel konnten die Eltern durch eine eigene kleine Wirtschaft mit Garten und mit Kleinvieh noch selbst zu ihren Unterhalt beitragen. Ein Brauch, der bis zuletzt in Wiesenberg und auch später noch geübt wurde, war, daß von jedem Hof wenigstens ein Teilnehmer bei der Beerdigung eines Wiesenbergers vertreten war.

Es ist nur natürlich, daß in dem Zeitabschnitt von 1781 bis 1940 manche der aus der deutschen Heimat mitgebrachten Traditionen verlorengegangen sind. Im Ausgleich dafür wurden mit der Zeit einige Gebräuche der ukrainischen Bevölkerung übernommen. Noch heute werden von den Wiesenbergern und auch von deren Kindern solche Gerichte wie "Pirogi", "Holybtscher" oder "Borschtsch" gern gegessen.

Eine wichtige Rolle für den Erhalt der deutschen Kultur in Galizien vor dem zweiten Weltkrieg spielten die sogenannten Wanderlehrer. Das waren meist deutsche Lehrer, die auf Grund ihrer deutschbetonten Haltung aus dem staatlichen polnischen Schuldienst entlassen worden waren. Ihnen und auch jugendlichen Erntehelfern aus dem Reich haben es die Wiesenberger zu verdanken, daß im "Deutschen Haus" deutsche Volkslieder gesungen und deutsche Theaterstücke aufgeführt wurden. Die Theateraufführungen wurden von Peter Lang geleitet. Franz Mann gründete und leitete einen Männerchor in Wiesenberg, der auch zu den Gottesdiensten sang.

Besonders das Singen von Volksliedern hat die Zusammenkünfte der Jugend in Wiesenberg geprägt. Eine Beteiligte äußerte sich dazu: "Es war eine schöne Zeit, wenn wir Sonntag abends im Sommer die Dorfstraße auf und ab gingen und Volkslieder sangen".

Es existiert noch ein handgeschriebenes Liederbuch aus dieser Zeit, dessen Inhalt eine Vorstellung von dem Geist und der Stimmung dieser Zeit zu geben vermag. Ein besonderes Dokument ist auch ein Foto vom Platz vor der Kirche, auf dem 52 junge Wiesenberger abgebildet sind. Eine Liste zu dem Foto ermöglicht die Identifizierung jedes Einzelnen der damaligen Wiesenberger Jugend (veröffentlicht im Heimatbuch der Galiziendeutschen, Teil VI - Galizien und sein Deutschtum - Seite 2.44).

Natürlich ist es schade, daß die kulturellen Besonderheiten der Galiziendeutschen heute fast vergessen sind. Andererseits konnten sich die Galiziendeutschen ihre besonderen Charaktereigenschaften wie Genügsamkeit, Arbeitssamkeit und Strebsamkeit über Generationen hinweg bewahren. Das hat dazu geführt, daß sie sich nach zweimaliger Umsiedlung auch ein drittes mal eine gesicherte Existenz aufgebaut haben und vielfach in den nachfolgen Generationen auch akademische Berufe ergriffen haben.

 

3.3 Namen und Hofnamen in Wiesenberg

Die Namen in Galizien waren, wie die daraus abgeleiteten Hofnamen, vom pfälzischen Dialekt der Bewohner geprägt. Aus ihrer pfälzischen und saarländischen Heimat haben die Einwanderer auch die dort üblichen Vornamen mitgebracht. Das waren Namen aus unserer christlichen Tradition wie Marie, Katrin, Gret, Anna bei den Frauen oder Johann, Josef, Franz, Anton, Michel, Karl bei den Männern. Matthias hießen einige Männer der Ansiedlergeneration, weil der Apostel Matthias im Bistum Trier begraben ist und dort besonders verehrt wird.

Häufig wurden den Kindern Doppelnamen gegeben, die aber in der Umgangssprache nicht immer als solche wiederzuerkennen waren. Der Doppelname Maria Elisabeth zum Beispiel war wohl als Rufname nicht gut zu gebrauchen. Der Name wurde einfach zu "Mrilis" abgekürzt. Ebenso wurde "Marian" für Maria Anna oder "Amri" für Anna Maria verwendet.

Die heutige Vielfalt der Namensgebung war in früheren Zeiten nicht üblich. Es war im Gegenteil der Brauch, als Vornamen für einen Jungen den Namen zu verwenden, den bereits der Vater oder ein Onkel führten und in entsprechender Weise wurden auch die Vornamen für die Mädchen vergeben. In früheren Zeiten mußte in der Verwandtschaft ein Taufpate gefunden werden, der den gleichen Vornamen hatte, weil es die Tradition so erforderte. Aber auch viele Familiennamen kamen im Dorf mehrfach vor, wenn eine Familie im Laufe der Zeit viele Söhne gehabt hatte. Schauen wir uns die Liste der Hofbesitzer des Jahres 1939 an, so finden wir in Wiesenberg viermal den Namen Josef Zimmermann, dreimal Josef Engel oder den Namen Franz Mann zweimal auf den benachbarten Höfen Nr. 17 und 18.

Um unter diesen Bedingungen eine bestimmte Person genauer zu kennzeichnen, wurde der Vorname meist in Verbindung mit dem Hofnamen gebraucht, denn der Hofname wurde auch auf die in diesem Hause lebenden Bewohner übertragen. Für die beiden Letztgenannten mit Namen Franz Mann bedeutete dies, daß einer von Ihnen "Panwitsche Franz" und der andere "Antons Franz" genannt wurde. Auf diese Weise hatten die meisten Wiesenberger mindestens zwei Namen: einen Namen, der im Ausweis und in den Urkunden stand und einen Namen, mit dem sie von Ihren Nachbarn oder Kameraden angesprochen wurden.

Ein großer Teil der Hofnamen in Wiesenberg leitet sich vom Vornamen eines der Besitzer ab, auch wenn dieser schon vor einigen Generationen dort gelebt hatte. Denn die Dorfbewohner redeten sich in der Regel mit Vornamen an, der dann auch auf den Hof und die Bewohner des Hofes angewendet wurde. Die respektvolle Anrede "ihr" wurde gegenüber älteren Personen gebraucht und zwar in Verbindung mit der Anrede "Vedder" oder "Wees". Fast ebenso häufig wie der Vorname wurde aber auch der Nachname zum Hofnamen gemacht, wobei man hier natürlich keine bestimmte Person als Ursache des Namens benennen kann. Bei Namen wie "Sattlersch" oder "Schuschtersch" ist es wahrscheinlich der Beruf des Besitzers, der dem Hof den Namen gegeben hat.

Nicht ohne Einfluß blieb die Sprache der in der Umgebung lebenden Polen und Ukrainer auf die Vornamen. So wurde an Stelle von "Johann" vielfach der polnische Name "Janek" verwendet oder ein Eduard wurde "Edek" gerufen.

Bei der Polonisierung der Namen wurde aber meistens die Verkleinerungsform gewählt, die auch bei den Polen üblich war. Katharina wurde zu "Gasiu", Maria zu "Maniu", Anton zu "Tosiu" (Toni), Josef zu "Juziu", Rosalie zu "Ruziu", Eduard zu Edziu und Edmund zu Mundziu. Zu beachten ist dabei die spezielle polnische Aussprache dieser Namen, die man mit deutschen Schriftzeichen nicht eindeutig wiedergeben kann. Diese Verkleinerungsform der Namen auf "...iu" ist wahrscheinlich nicht einmal typisch polnisch. Der polnische Schriftsteller Josef Wittlin meint, daß diese Namensformen nur für Lemberg typisch sind und auf rumänischen Einfluß zurückzuführen sind.

Die Einflüsse der vielen Völkerschaften in Galizien zeigen sich auch in einem der wiesenberger Flurnamen. Der Ortsteil "Batjarówka" am östlichen Ende des Dorfes hat wahrscheinlich seinen Namen von dem ungarischen Wort für Räuber erhalten und das Wort "Batjar" wurde von den Wiesenbergern auch in diesem Sinne verwendet. In einem polnischen oder ukrainischen Wörterbuch ist dieses Wort nicht zu finden. Vielleicht besteht ein Zusammenhang mit einer Notiz in der Chronik, daß im ersten Weltkrieg den Wiesenbergern das Vieh von einer ungarischen Truppe geraubt wurde. Einen solchen Vorfall würde man heute Collateralschaden oder Begleitschaden nennen, denn die Ungarn gehörten eigentlich zu den eigenen Österreichischen Streitkräften.

3.4 Familienforschung

Die Geschichte eines Ortes gleichsam am Rande der Welt zu beschreiben, ist wohl nichts Weltbewegendes. Aber die Besonderheit eines jeden kleinen Gemeinwesens, sei es noch so abgelegen, sind die Menschen, die darin leben. Und gerade hier, in einer relativ abgeschlossenen Dorfgemeinschaft, lohnt es sich, die Geschichte jedes einzelnen Menschen und die Beziehungen der Menschen untereinander zu erforschen und zu beschreiben. Die Erforschung der verwandtschaftlichen Beziehungen ist mit Hilfe der Kirchenbücher möglich, in denen Geburten, Heiraten und Todesfälle eingetragen sind. Und damit befinden wir uns auf einem Gebiet, das in den letzten Jahren geradezu in Mode gekommen ist. Es ist die Familienforschung. Und da in der Regel, wie auch im Falle Wiesenbergs, diese Forschung die Ländergrenzen überschreitet, wird international das lateinische bzw. englische Wort "Genealogie" dafür gebraucht.

Für die Umsiedler aus Galizien wurde der Grund für die Familienforschung damit gelegt, daß die meisten Familien noch 1939 sich den sogenannten Ahnenpaß vom Ortspfarrer ausstellen ließen. Das originale Kirchenbuch von Wiesenberg liegt heute im Archiv für alte Akten in Warschau. Eine Kopie des Kirchenbuches von Wiesenberg auf Mikrofilm konnte nicht gefunden werden. Aber für die deutschen Nachbarorte von Wiesenberg - Bruckenthal, Weissenberg und Ottenhausen - konnten solche Mikrofilme etwa bis zum Jahr 1860 ausgewertet werden. Für Wiesenberg konnte aus dem Archiv an der Bernhardinerkirche in Lemberg die Kopie einer Zweitschrift des Kirchenbuches von Wiesenberg beschafft werden. Dabei handelt es sich um handschriftliche Kopien des Kirchenbuches, die jeweils am Jahresende vom Pfarrer angefertigt und zum Bischof nach Lemberg geschickt wurden.

Diese Quellen und natürlich auch persönliche Angaben der Wiesenberger dienten dazu, mit Hilfe eines Computerprogramms ein Abbild der verwandtschaftlichen Beziehungen der Bevölkerung von Wiesenberg zu erstellen. Damit verknüpft sind auch die Familiendaten der Orte Bruckenthal, Weissenberg, Ottenhausen, Mokrotyn und weiterer kleiner, von Deutschen besiedelter Orte in der Umgebung von Lemberg.

Ausdrucke aus diesem Computerprogramm beschreiben unter anderem die Familiensituation in Wiesenberg in der Zeit der Ansiedlung um das Jahr 1785. Allerdings haben diese Familiendarstellungen nur einen vorläufigen Charakter, da die Auswertung der Kirchenbücher noch nicht abgeschlossen ist.

 

4. Schluß

Und wie sieht es heute in Wiesenberg aus? Nach der Wende von 1989 haben mehrere Dutzend Wiesenberger die Reste des deutschen Dorfes besucht. Viele der alten Häuser stehen nicht mehr, manches ist aber auch neu gebaut worden. Im Jahr 2003 zählte Wiesenberg 90 Hausnummern mit etwa 350 Bewohnern, zusammen mit Mierzwica sind es etwa 700 Personen. Aber die heutige Bevölkerung Wiesenbergs, die nach dem Krieg teils aus der Nachbarschaft, teils aus anderen Teilen der Ukraine und Rußlands zugezogen war, lebt in großer Armut und ist zum großen Teil arbeitslos. Unter solchen Voraussetzungen denkt wohl keiner der Nachkommen der deutschen Wiesenberger an eine Rückkehr in die Heimat der Eltern.

Aber in letzter Zeit gibt es auch Zeichen der Hoffnung und Anzeichen des Fortschrittes. Vor allem der Neuaufbau der wiesenberger Kirche scheint ein Zeichen dafür zu sein, daß die heutige Generation der Ukrainer das Land, das sie seit mehr als 50 Jahren bewohnen und bewirtschaften, jetzt erst als Ihre Heimat annehmen. Und sie verstehen auch die jahrzehntelang verleugnete Geschichte ihres Ortes als eine Besonderheit, die sie von den umliegenden ukrainischen Dörfern unterscheidet. Sie haben ihre neue griechisch-katholische Kirche unter den alten Namenspatron Michael gestellt und ihr Ort heißt zur Unterscheidung vom alten ukrainischen Nachbardorf Mierzwica nun wieder Wiesenberg (ВІЗЕНБЕРГ).

(Veröffentlicht im Zeitweiser der Galiziendeutschen, 42. Jahrgang, Stuttgart 2004)