Galiziertreffen in Kütten am 30.09.2017

 

Das 20. Galiziertreffen der katholischen Orte im Bereich Lemberg war ein Jubiläum und gleichzeitig ein Neuanfang. Weil das Landgasthaus in Ostrau schließen musste, wurde die alte Gaststätte in Kütten, 4 km von Ostrau entfernt, als Tagungsort wieder aktiviert. Trotz der mit dem Ortswechsel verbundenen Ungewissheit waren wie vor einem Jahr wieder etwa 50 Teilnehmer im Saal. Vorher war der Gottesdienst in der aus dem 13. Jahrhundert stammenden evangelischen Kirche gefeiert worden. Es ist schon bemerkenswert, dass in dieser Kirche in Mitteldeutschland eine Marienfigur steht, die aus dem entfernten Wiesenberg in Galizien stammt. Eine Tafel erklärt diese Besonderheit mit folgendem Text:

Marienfigur aus Wiesenberg in Galizien - Diese Marienfigur stand bis 1940 in der römisch-katholischen Kirche St. Michael in dem deutschen Dorf Wiesenberg, 20 Kilometer nördlich von Lemberg (heute Lviv in der Ukraine). Sie wurde wahrscheinlich von einem ukrainischen oder polnischen Künstler geschaffen. Alle Bewohner Wiesenbergs wurden 1940 nach Deutschland umgesiedelt.

19 Familien aus Wiesenberg gelangten 1945 als Flüchtlinge nach Kütten.

Die Krankenschwester Rosa Bommersbach hatte die Figur 1940 bei der Umsiedlung und 1945 bei der Flucht aus dem Warthegau in ihrem Reisegepäck.

Das war für Pfarrer Gaden ein willkommener  Anlass, auf den ideellen Wert dieses Erinnerungsstückes hinzuweisen, verbunden mit dem Appell, die Tradition der Galiziertreffen fortzuführen, denn er ist selber ein großer Kenner der Geschichte und Kultur Galiziens.

Die Begrüßung der Teilnehmer im Saal hatte diesmal einen anderen Stil, denn Eugen Dreher, Mitbegründer des Ostrauer Treffens, war zwar anwesend, stand aber aus gesundheitlichen Gründen als Organisator nicht mehr zur Verfügung. Werner Kraus begrüßte ihn deshalb an erster Stelle, verbunden mit dem Dank für seine geleistete Arbeit. Begrüßt wurden auch Vertreter der Orte Königsau und Brigidau südlich von Lemberg, die anderswo und zu anderen Zeiten ihre eigenen Galiziertreffen veranstalten. Ein besonderer Dank galt ausdrücklich den Galiziendeutschen aus Kütten und deren Nachkommen, weil sie bei der Organisation des Treffens so kräftig mitgewirkt haben. Besonders Frau Irmgard Füssel gelingt es schon seit langem, die Küttener zu mobilisieren, wenn es um kulturelle Ereignisse geht.

Als Vertreter des Hilfskomitees wurde Dr. Dieter Schäfer aus dem nahen Eisleben begrüßt. Mit einer Anzahl von Exemplaren der Vereinszeitung Blickpunkt Galizien versuchte Werner Kraus gleich zu Anfang Werbung für das Hilfskomitee zu machen.

Im zentralen Vortrag des Tages wurden die deutschen Orte Galiziens, aus denen die Teilnehmer des Treffens stammen, noch einmal vorgestellt, denn nach 20 Jahren Galiziertreffen hat eine neue Generation von Teilnehmern kaum noch eigene Erinnerungen an das alte Galizien. Werner Kraus  zitierte aus vielen aufgeschriebenen Erinnerungen, die meistens die Zeit zwischen den Weltkriegen im polnischen Staat betrafen. Fast alle diese Erinnerungen beschäftigte das Problem, dass die polnischen Behörden die deutsche Unterrichtssprache in den Schulen durch die polnische Sprache ersetzen wollten. Dieser Prozess der Polonisierung hatte schon in der relativ freiheitlichen Ordnung des Kaiserreiches Österreich begonnen. Da diese Zeit des Kaisers Franz-Joseph heute außerhalb jeder persönlichen Erinnerung liegt, wird sie nun zum Mythos Galizien verklärt. Bemerkenswert waren auch die Zitate aus dem Bericht des Polen Czesław Raica über Burgthal, weil auch die Zeit der Besetzung Galiziens durch die deutsche Wehrmacht und die Sowjetzeit behandelt wurde.

Einen aktuellen Bezug zur Gegenwart gibt es nun, weil in Wiesenberg die Stelle eines durch die Sowjets zerstörten Denkmals für gefallene Soldaten des Ersten Weltkrieges vor zwei Jahren durch ein Gedenkkreuz gekennzeichnet wurde. In Münchenthal wurde 2007 auf Initiative des Kanadiers Brian Lenius ein steinernes Denkmal errichtet. Dieses Denkmal soll im nächsten Jahr feierlich eingeweiht werden. Beide Ereignisse sollen zum Anlass genommen werden, diese Orte in die für 2018 geplante Galizienreise des Hilfskomitees einzubeziehen. Dr. Schäfer als einer der Organisatoren dieser Reise machte zusätzlich Werbung, indem er die Einzelheiten der geplanten Reise erklärte. Schließlich erzählte Frau Irmgard Füssel die Geschichte, wie die Marienfigur aus Wiesenberg bis nach Kütten gelangen konnte.

Auch ohne Gaststättenbetrieb konnte das Problem des Mittagessen und Kaffeetrinkens mit Hilfe der Landfleischerei Graupner und mit Hilfe der Küttener Kuchenbäcker gelöst werden. Nach dem Mittagessen wurde ein Film über eine Reise nach Galizien im Jahre 1994 gezeigt. Dieser Film hat inzwischen dokumentarischen Charakter, denn er zeigt, wie alte Menschen nach 55 Jahren die Orte ihrer Jugend erleben.

Zum Abschuss wurde der Versuch gemacht, die Stimmung in den Dörfern Galiziens zu erspüren, als die Dorfjugend deutsche Volkslieder sang, welche die Wanderlehrer mit Ihnen eingeübt hatten. Die Verbindung von alter und neuer Heimat wurde sinnfällig, als Mitglieder des Küttener Chores die alten Volkslieder sangen, und die Versammelten einstimmen konnten. Die Geldsammlung erbrachte 815 Euro, die hauptsächlich zur Finanzierung von Mittagessen und Saalmiete gebraucht werden.