Galizienfahrt in die katholischen Orte um Lemberg vom 3. bis 9. Juli 2004

Nachdem auf dem Galiziertreffen in Ostrau im September 2003 über Aktivitäten zur Wiederherstellung der Friedhöfe in Wiesenberg und Münchenthal berichtet worden war, meldeten sich für die Galizienfahrt der A. Reich GmbH in Jüterbog eine überraschend große Zahl von Teilnehmern. Mehr als die Hälfte der insgesamt 79 Galizientuoristen kamen aus Wiesenberg und Münchenthal sowie aus weiteren katholischen Orten um Lemberg, wie Weissenberg, Ottenhausen und Mokrotyn. Von diesen sind viele heute in der Gegend um Halle zu Hause, so dass diesmal auch in Halle zugestiegen werden konnte. Mit zwei Bussen ging die Fahrt zunächst nach Krakau. Am Abend des nächsten Tages, einem Sonntag, wurde Lemberg erreicht. Die Reisenden verteilten sich auf die Hotels George und Dnjestr. Auch diesmal beeindruckte uns die Atmosphäre der Stadt schon bei der Ankunft. Wie an jedem Wochenende wurden am Taras-Tschewtschenko-Denkmal ukrainische Lieder mit auffällig vaterländischem Charakter gesungen. Die Besonderheiten der Stadt Lemberg wurden auch bei der Stadtrundfahrt am nächsten Tag deutlich. Früher wurde Lemberg das Paris des Ostens genannt und heute steht die Altstadt von Lemberg auf der Liste des Weltkulturerbes der Menschheit.

Die folgenden zwei Tage wurden genutzt, um die Heimatdörfer der Familien zu besuchen. Einer der beiden Busse fuhr an beiden Tagen nach Stryj. Von dort aus wurden individuelle Fahrten mit Taxen zu den Heimatdörfern der Umgebung unternommen.

Die Reisenden aus dem Kreis des Ostrauer Treffens hatten den Vorteil, dass auch für sie ein Bus bereitstand, um sie direkt in die Heimatdörfer zu fahren. Am Dienstag ging die Fahrt mit 21 Teilnehmern zunächst nach Münchenthal. Nach dem Krieg wurde der deutsche Ort Münchenthal von den ukrainischen Bewohnern des benachbarten Muzolywice besiedelt. Das bedeutet, dass kaum Menschen aus der Ostukraine oder aus Rußland hier angesiedelt wurden, so wie es in anderen deutschen Orten der Fall war. Zur Zeit sind in Muzolywice erstaunliche Dinge im Gange. Ein Nachfahre der Familie Lenius, Brian Lenius aus Kanada, versucht seit einigen Jahren die Erinnerung an die deutsche Geschichte des Ortes den heutigen Bewohnern zu vermitteln. Als wir ankamen, waren Arbeiten zur Rodung des Friedhofes im Gange, die er veranlaßt hatte. Er hatte uns seinen Verbindungsmann aus Lemberg nach Münchenthal geschickt, und von diesem war auch bereits der Bürgermeister informiert worden. Er begleitete uns bei unserem Rundgang.

Zum ehemaligen deutschen Friedhof waren im Laufe der Zeit alle Weg zugewachsen, so dass wir ihn nur über ein Gehöft erreichen konnten. Der Friedhof selbst wies viele Krater und Hügel auf, die vielleicht durch Kampfhandlungen im zweiten Weltkrieg verursacht wurden. Auch an der Kirche waren, trotz ihrer dicken Mauern, starke Zeichen der Zerstörung zu sehen. Sie soll zur Sowjetzeit als Lager für Düngemittel genutzt worden sein. Das einzige noch intakte Gebäude aus deutscher Zeit ist das ehemalige deutsche Haus, das noch immer einmal wöchentlich für Tanzveranstaltungen genutzt wird. In diesem Haus plant Brian Lenius und sein Mitstreiter Edward Rozylowicz, der aus der Familie Lautsch in Münchental stammt, die Einrichtung eines Museums mit Dokumenten der deutschen Besiedlung für alle deutschen Orte der Umgebung.

Von Münchenthal ging die Fahrt weiter nach Ottenhausen und Weissenberg. Die weissenberger Kirche ist im Inneren als eine orthodoxe Kirche eingerichtet. Die alte Grabkapelle auf dem Friedhof in Ottenhausen ist heute eine Ruine, aber dafür steht an anderer Stelle eine Kapelle, die in kommunistischer Zeit gegen alle Widerstände der Sowjetbehörden gebaut worden war und bis heute als griechisch-katholische Kirche genutzt wird.

In Weissenberg und Ottenhausen sind viele der ehemals deutschen Gehöfte wiederzuerkennen und sie sind für die dortigen Verhältnisse in gutem Zustand.

Am letzten Tag unseres Aufenthaltes stand eine Fahrt nach Wiesenberg auf dem Programm. Die Gelegenheit, bequem mit dem Bus dorthin zu kommen, nutzten auch einige, die nicht direkt von Wiesenberg stammen. Zunächst wurde in der Kreisstadt Showkwa (Zólkiew) ein kurzer Halt auf dem Marktplatz eingelegt. Dort hatten die wiesenberger Bauern früher ihre Produkte angeboten. Die Bauten rings um den Marktplatz einschließlich Schloß und Rathaus sowie die meisten Kirchen in Showkwa wurden in letzer Zeit renoviert.

Am Ortseingang von Wiesenberg wurde zunächst ein Fotostop eingelegt, um das Ortseingangsschild mit der Aufschrift "Wiesenberg" (in kyrillischer Schrift) richtig ins Bild zu bekommen. Dieses Schild ist Ausdruck der Bemühungen des jetzigen griechisch-katholischen Pfarrers, Ivan Oleksin, die deutsche Tradition den jetzigen ukrainischen Bewohnern bewußt zu machen. Die schlichte deutsche Kirche in Wiesenberg, die zu Sowjetzeiten Geräteschuppen war, wurde auf den alten Mauern neu aufgebaut und mit zwei Türmen und einer Kuppel versehen. Sie ist jetzt innen wie außen als eine griechisch-katholische Kirche gestaltet und zeigt, dass sich Priester und Gemeinde sehr für diese Kirche engagieren.

In dieser Kirche war gerade der Gottesdienst zum Johannisfest (nach altem Kalender) zu Ende gegangen, als unsere aus 33 Personen bestehende Reisegruppe die Kirche betrat. Vor versammelter Gemeinde wurden wir vom Pfarrer Oleksin begrüßt und der Chor sang das ukrainische Lied "Mnohaja lita" ein Lied, das immer zu festlichen Anlässen gesungen wird und den Wunsch ausdrückt "viele Jahre soll er leben", vergleichbar dem polnischen Lied "Sto lat". Danach konnten wir uns für die Bemühungen zum Wiederaufbau der Kirche und zur Wiederherstellung des deutschen Friedhofes bedanken und eine Spende von 670 Dollar (etwa 578 Euro) dem Pfarrer übergeben. Auch mehrere Koffer mit Kleiderspenden wurden anschließend in der Sakristei abgestellt.

Auf dem ehemaligen deutschen Friedhof konnten wir uns davon überzeugen, dass die bisherigen Spenden bereits wirksam wurden. Die Anfänge einer Mauer aus Betonfertigteilen um den Friedhof waren zu sehen. Jeder konnte nun noch nach Spuren seiner eigenen Familie in Wiesenberg suchen, bevor der Pfarrer zu einem Abschiedstrunk einlud.

Nach dem Abschied von Lemberg, der Hauptstadt Ostgaliziens, konnte bei der Zwischen-übernachtung in Krakau noch ein Eindruck von der Hauptstadt Westgaliziens gewonnen werden. Die Reiseteilnehmer, von denen viele schon der jüngeren Generation angehörten, welche die Heimat ihrer Eltern und Großeltern zum ersten mal gesehen hatten, zeigten sich zufrieden mit dem Gesehenen und Erlebten. Das Interesse für weitere Fahrten nach Galizien ist mit dieser Reise sicher geweckt worden. Die meisten von ihnen werden sich bald wiedersehen, nämlich auf dem

Treffen der Galiziendeutschen in Ostrau am 25. September 2004.

Werner Kraus