Galiziertreffen in Ostrau 2016

 

Das 19. Galiziertreffen in Ostrau hatte ein wenig den Charakter einer Abschiedsveranstaltung, denn das Landgasthaus als Veranstaltungsort wird am Jahresende geschlossen. Aber schon im vorangehenden Gottesdienst gab es eine Ermutigung zum Weitermachen durch Pfarrer Gaden aus Halle. Pfarrer Gaden ist der Tradition sehr verpflichtet, denn er betreut in Halle auch die „Brüderschaft der Salzwirker in Halle“, auch Halloren genannt.  Die Moritzkirche in Halle ist seit Jahrhunderten die Pfarrkirche der Halloren und einen Teil ihrer Feste feiern die Halloren immer noch in dieser heute wieder katholischen Kirche.

Die etwa 50 Gäste im Landgasthaus wurden von Eugen Dreher begrüßt mit Betonung auf besonders erwähnenswerte Gäste aus Holland und dem Münsterland. Auch die älteste Besucherin, die 90-jährige Helene Kirchhoff, geb. Erd aus Ottenhausen wurde begrüßt. Vielleicht um das Kapitel Ostrau abzuschließen, verband Eugen Dreher seine Begrüßung dann mit einer ausführlichen Erinnerung an die Höhepunkte der Galiziertreffen im Landgasthaus:

Auf einer der frühen Reisen nach Galizien wurde die Idee eines Treffens der katholischen Dörfer im Gebiet Lemberg geboren. Das erste Treffen 1997 war mit 250 Teilnehmern unerwartet gut besucht. Als das nächste Treffen zwei Jahre später stattfand, gab es Beschwerden über den langen Zwischenraum und seitdem finden die Treffen jährlich statt. Eugen Dreher erinnerte an die bedeutenden Persönlichkeiten des Hilfskomitees der Galiziendeutschen, die an den Treffen teilgenommen haben. Unvergessen sind die Treffen mit Ansprachen von Rudolf Mohr, Oskar Wolf, Prof. Erich Müller und Sieglinde Hexel. Das ganze in Magdeburg versammele Hilfskomitee kam sogar mit dem Bus zum Ostrauer Treffen im Jahre 2009. Erinnert wurde auch an die Erlebnisberichte des Pfarrers Ferdinand Weber, der seine katholische Gemeinde aus dem Warthegau in Ostrau wieder zahlreich versammelt sah.

Die Erinnerung bezog sich auch auf die vielfältigen Beziehungen zwischen den Siedlungen in Galizien. Zum Besuch der „Kerb“ in Münchenthal, Ottenhausen Weissenberg, Wiesenberg oder Bruckental war die Jugend der Nachbarorte manchmal von früh bis Abend zu Fuß unterwegs. Der Bogen der Erinnerung spannte sich weiter bis in die Anfänge der Ansiedlung der Galiziendeutschen in Ostrau und Umgebung, als zum Beispiel die Musikkapelle der Tanzveranstaltungen überwiegend aus Galiziendeutschen bestand.

Nach dem Mittagessen gab Werner Kraus einige Informationen über die Arbeit des Hilfskomitees, verbunden mit dem Appell, durch Bezug der Zeitung „Blickpunkt Galizien“ das Hilfskomitee auch finanziell zu unterstützen. Der anschließende Vortrag galt einem Thema, das vor allem die „Spätgeborenen“ im Warthegau ansprechen sollte. Ausgehend von einer Veröffentlichung im Jahrbuch Weichsel-Warthe 2012 über „Die Deutschen in Lodz und Umgebung“ wurde die Geschichte des Warthelandes behandelt, so wie die alteingesessene deutsche Bevölkerung sie erlebt und verstanden hat. Am Ende des Vortrages gab es zwei dramatische Berichte über die Flucht aus dem Warthegau mit der Eisenbahn und mit dem Pferdefuhrwerk.

Beide Vorträge von Dreher und Kraus hatten damit einen gewissen abschließenden Charakter zum Thema Galizien und Ostrauer Treffen. In diesem Sinne wurde dieses Mal das Ergebnis der Geldsammlung in Höhe von 155 Euro der Leiterin des Landgasthauses Frau Kuhnt übergeben, zusammen mit einem Blumenstrauß und mit anerkennenden Worten über die gute Bewirtung seit 20 Jahren. Ein besonderer Dank soll auch Eugen Dreher gelten, der sich aus Altersgründen von der Organisation weiterer Treffen zurückziehen möchte.

Denn es gibt bereits Überlegungen, die Galiziertreffen in dem nur 3 km von Ostrau entfernten Ort Kütten fortzusetzen. Ein vorbereitender Besuch des Ortes brachte Überraschendes zu Tage. Die Dorfkirche von Kütten aus dem 13. Jahrhundert wurde maßgeblich durch die Initiative einer Galiziendeutschen aus Wiesenberg, durch Frau Irmgard Füssel, geborene Lipinski, vor dem Verfall gerettet. In dieser Kirche befindet sich eine Marienfigur mit besonderer Geschichte. Die Figur stammt aus der Kirche St. Michael in Wiesenberg in Galizien. Eine Krankenschwester aus Wiesenberg, eine geborene Rosa Bommersbach, hat die Figur gleichsam als Handgepäck unbeschadet durch Umsiedlung und Flucht bis nach Kütten gebracht. Nun hat die Figur einen angemessenen Platz in der küttener Kirche gefunden. Sollte unser nächstes Treffen wie geplant am 30. September 2017 stattfinden, dann wird in dieser eindrucksvollen Kirche das Treffen mit einem Gottesdienst eröffnet werden.