Die Umsiedlung der Galiziendeutschen vor 80 Jahren

 

Vortrag W. Kraus zum 22. Galiziertreffen in Kütten am 28.09.2019

 

Liebe Landsleute, gerade in diesen Wochen und Monaten haben wir einen besonderen Anlass, uns zu erinnern. Es sind jetzt genau 80 Jahre vergangen, seit der Umsiedlung der Galiziendeutschen am Ende des Jahres 1939. Nun bin ich zufällig in diesem Jahr 1939 geboren und genau 80 Jahre alt. Als Zeitzeuge gelte ich trotzdem nicht wie die meisten hier im Saal. Ich gehe davon aus, dass die meisten von Ihnen die Umsiedlung nicht erlebt haben und gar nicht mehr in Galizien geboren sind. Warum fühlen sich die Spätgeborenen dennoch zugehörig zur Gemeinschaft der Galiziendeutschen?

Wir alle wissen bereits, welche Besonderheiten unsere Volksgruppe auszeichnet. Unsere Vorfahren haben als Deutsche mehr als hundertfünfzig Jahre lang in friedlicher Koexistenz mit anderen Kulturen gelebt. Aber jetzt kommt noch eine weitere Besonderheit hinzu: Vor nunmehr 80 Jahren begann eine Wanderschaft der Galiziendeutschen, die eine Besonderheit darstellt im Vergleich zum Schicksal der vielen Entwurzelten Menschen im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges.

Wenn Politiker von Flucht und Vertreibung sprechen, dann meinen sie das schlimme Schicksal der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges als Millionen Deutsche auf Grund einer Vereinbarung der Siegermächte aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Die Verschiebung von Menschenmassen in großem Stil begann aber schon vorher, gleich am Beginn des Krieges, denn die Diktatoren in Deutschland und in der Sowjetunion hatten im August 1939 in einem geheimen Zusatzabkommen zum Hitler-Stalinpakt ihre Einflussgebiete abgegrenzt. Mit der nun folgenden gewaltsamen Änderung der Staatsgrenzen wurden auch die dort lebenden Menschen in Bewegung versetzt.

Am 1. September 1939 begann Deutschland den Krieg mit dem Überfall auf Polen. Daran wurde vor kurzem erst mit Feierstunden in Polen und in Deutschland erinnert. Kaum erwähnt wird aber der zweite Teil der Aggression, der Einmarsch der Sowjetarmee in Ostpolen am 17. September 1939. Das aber ist besonders für die Polen und für uns Galiziendeutsche ein wichtiges Ereignis.

Nun bin ich kein Historiker, der einen genauen Überblick über die Quellenlage hat. Ich kann nur einige, mir zufällig bekannt gewordene Erinnerungen zitieren, die schon wenige Jahre nach dem Krieg aufgeschrieben und veröffentlicht wurden. Diese Erinnerungen beschreiben die Situation und die Erlebnisse der direkt Betroffenen Menschen. Sie sollen uns helfen zu verstehen, warum unsere Eltern und Grosseltern Haus und Hof verlassen haben, als sie 1939 freiwillig aus dem sowjetischen Einflussgebiet in das Deutsche Reich übersiedelten.

 

Die Situation vor über 80 Jahren, als der Zweite Weltkrieg begann, ist für uns nach so vielen Jahren des Friedens nicht einfach zu verstehen. Es ist gut, dass heute andere Maßstäbe gelten, aber wir sollten bedenken, dass für alle Deutschen damals eine vaterländische Gesinnung eine ganz normale Haltung war. Das galt ebenso auch für die Einstellung der Menschen in den meisten anderen Ländern Europas. Die Besonderheit in Deutschland war aber, dass die Erfolge der deutschen Wehrmacht gegen Polen und später auch gegen Frankreich als notwendige Vergeltung für den ungerechten Versailler Vertrag gewertet wurden.

Dass der Erste Weltkrieg durch einen ungerechten Diktatfrieden beendet wurde, wird von den Historikern heute nicht mehr bestritten. Welch falsche Machtpolitik durch die Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg realisiert wurde zeigt sich auch darin, dass die gleichen Politiker Frankreichs und Englands, die mit dem Versailler Vertrag Deutschland gedemütigt hatten, damals auch das Osmanische Reich als Mandatsgebiete unter sich aufgeteilt haben. Das Osmanische Reich war wie Deutschland Verlierer im Ersten Weltkrieg. In Europa führte der Vertrag von Versailles in der Konsequenz zum Zweiten Weltkrieg. Im Nahen Osten wurden in den Mandatsgebieten neue Staaten gegründet. Die willkürliche Grenzziehung dieser Staaten ist bis heute die Ursache für Gewalt und Krieg in dieser Region.

In Deutschland schien also 1939 nach dem Sieg über Polen die so genannte „Schmach von Versailles“ getilgt und die Welt schien wieder in Ordnung zu sein. Von Kriegsverbrechen der Wehrmacht war bis dahin noch nicht die Rede.

Galizien war aber nicht Deutschland, sondern es war seit 20 Jahren ein Teil Polens. Dort gab es andere Besonderheiten der Geschichte. Man spricht heute vom Mythos Galizien und meint damit die Zeit, als das Land ein Teil der Habsburger Monarchie war. Die etwas älteren Deutschen, die 1939 in Galizien lebten, hatten unter Kaiser Franz-Joseph schon bessere Zeiten erlebt im Vergleich zu den Erfahrungen, die sie im neu gegründeten polnischen Staat des Diktators Josef Pilsudski machen mussten. Jetzt lebten sie in einem Staat, der alles nicht-polnische in der Kulturlandschaft auslöschen wollte. Das betraf nicht nur die deutsche Minderheit, sondern auch die Kultur und Sprache der Ukrainer und Juden im Land. Der Nationalismus in Polen war damals nicht weniger entwickelt als der Nationalismus in Deutschland oder anderswo in Europa.

Wir werden gleich noch mehr über diesen Kulturkampf in Polen am Beispiel Wiesenbergs hören.

1939 konnten sich noch viele Menschen in Galizien an die Besetzung durch russische Truppen im Ersten Weltkrieg erinnern. Da war es logisch, dass man mit Sorge beobachtete, was im Nachbarland Sowjetunion für Zustände herrschten.

Das Unrechtssystem der Sowjetunion steigerte sich zum großen Terror in den Jahren 1937/1938. Die Parteisekretäre hatten Vorgaben nur für die Anzahl der Erschießungen, ohne Nennung von Namen. In dieser Zeit fanden in der Sowjetunion 1000 Hinrichtungen pro Tag statt. Auch war damals bekannt, dass in der Zeit von 1928 bis 1934 mehr als drei Millionen Ukrainer auf dem Land verhungern mussten, weil auf Befehl Stalins alle Ernten, einschließlich Saatgut, für die Stadtbevölkerung und für den Export eingesammelt worden waren. Die durch den Hunger entvölkerten Landstriche in der Ukraine wurden später mit russischern Siedlern aufgefüllt und deren Nachkommen lassen sich nun für den Krieg in der Ukraine missbrauchen. Die Hungerkatastrophe in der Ukraine hatte der Polarforscher Fritjof Nansen als Hochkommissar für Flüchtlingsfragen des Völkerbundes weltweit bekannt gemacht. Das war die Situation in Osteuropa, als unsere Eltern und Grosseltern sich entscheiden mussten, in welchem Land sie zukünftig leben wollen.

 

Etwa 60.000 Galiziendeutsche sind 1939/1940 freiwillig aus dem sowjetischen Einflussgebiet in das Deutsche Reich übergesiedelt. Damals waren sie wirklich Umsiedler, sogar mit dem Recht auf Erstattung ihres zurückgelassenen Eigentums. Die Bezeichnung Umsiedler wurde später in der DDR beschönigend auf alle Vertriebenen angewendet. Den Status eines Flüchtlings bekamen die Umsiedler aus Galizien zusätzlich, als sie 1945 vor der Roten Armee flüchten mussten.

 

In Lemberg fielen am 1. September 1939 vormittags um 11 Uhr deutsche Bomben auf den Bahnhof und auf den Radiosender nicht weit von unserer Wohnung. Drei Wochen später, etwa zur gleichen Zeit, als die deutsche Wehrmacht Lemberg erreichte, besetzte die Rote Armee den östlichen Teil Polens. Die Menschen erlebten nun die Wirkungen eines neuen Wirtschaftssystems, eines Systems, das wir hier im Osten Deutschlands gut kennen. Sofort nach der Machtübernahme brach die Versorgung in Lemberg zusammen und vor den Läden bildeten sich lange Schlangen. Aber nicht nur die Stadtbevölkerung war in einer ausweglosen Situation. Grund und Boden wurden sogleich verstaatlicht, denn die neuen Sowjetbürger, das waren die im Lande lebenden Ukrainer, sollten nun auf Kolchosen arbeiten. Den freien Bauern in den deutschen Kolonien Galiziens war damit die Existenzgrundlage entzogen.

Noch deutlicher beschreibt Prof. Erich Müller im Jahre 1997 die Machtübernahme durch die Sowjetunion in seinen Erinnerungen - und damit komme ich zu den Tatsachen, die von den Augenzeugen dieser Ereignisse mit den Worten ihrer Zeit aufgeschriebenen wurden. Ich zitiere:

„Ein furchtbarer Krieg war ausgebrochen und hatte den polnischen Staat zerschlagen, dessen loyale Bürger die Deutschen dieses Landes waren. Und danach geschah et­was noch Unvorstellbareres: Plötzlich trat die Rote Armee in Erscheinung, mar­schierte in Ostgalizien ein und okkupierte dieses Land für die Sowjetunion.

Schon deren erste Maßnahmen - Enteignung von Haus- und Grundbesitz, Ungültigkeits- Erklärung der Zloty-Währung und damit aller Sparbücher und finanziellen Rücklagen sowie einsetzende Verhaftungen - stellten alle bisherigen Lebensgrundlagen infrage und wurden von der gesamten Bevölkerung des Landes als Bedrohung empfunden. Zukunftsangst erfasste alle Menschen dieses Landes, nicht nur die deutsche Minder­heit, und alle bangten um ihre Sicherheit und Existenz“.

>Ende des Zitats.

 

Frau Elisabeth Gerbrandt, geboren in Mierzwica, getauft im Nachbarort Wiesenberg, erlebte als 10-jährige den Einmarsch der deutschen Wehrmacht und der Sowjetarmee in Lemberg. Sie berichtet:

„Eines Tages kamen deutsche Soldaten zu uns und empfahlen uns, die Stadt zu verlassen und in den Vorort Zimnawoda (Kaltwasser) zu gehen. Weil die Polen sich nicht ergaben, sollte die Stadt mit Sturzkampfbombern bombardiert werden. Gleich am Ende unserer Strasse stand ein Feldwebel, der uns sagte, wie wir aus der Stadt gehen sollten, um nicht unter Beschuss zu geraten. Wir sind aber nicht bis Kaltwasser gekommen, sondern sind in Signiówka im Haus meiner Tante geblieben. Drei Tage lang geschah nichts. Dann fragte meine Mutter bei einer deutschen Artillerie-Einheit an, die dort an der Hauptstrasse stand, wann die Stadt nun endlich bombardiert werden sollte. Da antwortete der Soldat, die Stadt werde nicht bombardiert aber wir sollten schleunigst nach Hause gehen, denn auf der anderen Seite stünden die Russen.

Zum Glück war aber noch alles in Ordnung, als wir zu Hause ankamen. Das polnische Militär in der Festung ergab sich den Russen. Die Deutsche Wehrmacht zog sich in Richtung Westen zurück und einen Tag lang war kein Militär zu sehen. Aber bevor die Rote Armee die Stadt besetzte, zog eine Horde von Zuchthäuslern und Gefängnisinsassen durch die Stadt, denn alle Gefängnisse waren geöffnet worden. Es herrschte Anarchie in Lemberg!“  >Ende des Zitats.

 Aus dieser gefährlichen Situation gab es nur für die deutsche Minderheit einen Ausweg und der hieß „Heim ins Reich“. Das war eine dem Namen nach freiwillige Umsiedlungsaktion - heute sagt man dazu auch ethnische Säuberung. Da fast alle Deutschen diese einmalige Gelegenheit genutzt haben, hatte die Aktion eher den Charakter einer Flucht aus der eigenen Heimat.  

Für das neu gewonnene Vaterland Deutschland mussten bald viele junge Männer als Soldat in den Krieg ziehen. Dann aber, mit der Ansiedlung der deutschen Bauern auf enteigneten polnischen Bauernhöfen wurde den Umsiedlern bald klar, an welchem Unrecht sie ahnungslos beteiligt wurden. Auch die aus Lemberg nach Lodsch umgesiedelten Deutschen Stadtbewohner mussten erfahren, dass ihre Wohnungen vorher von Juden bewohnt waren. Das jüdische Ghetto in Lodsch war ohnehin nicht zu übersehen. Deshalb war am Ende des Krieges die Flucht vor der Roten Armee die einzige Möglichkeit, um den schlimmen Konsequenzen dieses Unrechts zu entgehen. Nicht alle unserer Eltern und Großeltern haben den Krieg und 1945 die chaotische Flucht überlebt.

Aber das wichtige Thema Ansiedlung im Warthegau und Flucht wollen wir uns für eine spätere Gelegenheit aufheben. Zunächst soll mit Berichten von Augenzeugen der technische Ablauf der Umsiedlungsaktion erklärt und die Situation vor und während der Umsiedlung dargestellt werden.

 

Dazu wurde im Zeitweiser 1999 ein Aufsatz veröffentlicht, den Sepp Müller, ein Mitglied der deutschen Umsiedlungskommission, schon 1960 geschrieben hat. Daraus zitiere ich:

„Ende November 1939 fuhr der Hauptstab der deutschen Umsiedlungskommission von Berlin nach Deutsch-Przemysl, dem westlichen Teil der zweige­teilten Grenzstadt am San, um mit den sowjetischen Grenzbehörden über die mit dem Grenzübertritt zusammenhängenden Fragen zu verhandeln. Der größere Teil der Kommission folgte einige Tage später.

Wie groß war aber das Erstaunen, als sie an Ort und Stelle erfuhren, dass die Verhandlungen mit der sowjetischen Seite sich nicht vom Fleck rührten, weil diese nicht be­reit war, die 400-köpfige deutsche Kommission ins Land hereinzulassen, obwohl die sowjeti­sche Botschaft in Berlin jedem Einzelnen das bis zum 1. März 1940 befristete Einreise- und Aufenthaltsvisum erteilt hatte.

Die Grenzbehörden verlangten vielmehr die Reduzierung der Zahl der vorgesehenen Ortskommissionen, der Fahrzeuge und Fahrer usw. und erreichten durch ihre Hartnäckigkeit schließlich, dass sich der deutsche Stab zuletzt mit rund 300 Mann einverstan­den erklärte, um das Umsiedlungswerk nicht zu gefährden.  Offenbar sollte jedes Aufsehen in der Stadt vermieden werden. Auch etwaige Sympathiekundgebungen der ein­heimischen Bevölkerung sollten verhindert werden. Solche Sympathiekundgebungen waren der deutschen Autokolonne auf dem Wege von Przemysl bis Lemberg bereits dargebracht worden.

Die Mitarbeiter der sowjetischen Umsiedlerkommission zeichneten sich durch zwei besonders ins Auge fallende Merkmale aus: Verständnislosigkeit und tiefes Misstrauen. Sie konnten es einfach nicht begreifen, warum die Deutschen nach der, wie sie es nannten, Befreiung von der polnischen Willkür und Unterdrückung aus diesem Land fortziehen wollten und manche von ihnen versuchten sogar, einzelne Kommissionsmitglieder und auch die Umsiedler davon zu überzeugen, dass die Deutschen in der Sowjetunion, wie das Beispiel der Wolga­deutschen Republik zeige, volle und ungestörte Entwicklungsmöglichkeiten besäßen. Und man hatte den Eindruck, dass diese NKWD-Mitarbeiter und Parteifunktionäre wirklich daran glaub­ten, was sie sagten.

Sie waren daher aufs höchste erstaunt, als sie dann feststellen mussten, dass die Schlangen vor den Registrierungslokalen der Umsiedlungskommission nicht abrei­ßen wollten und  dass Tausende und Abertausende sich eintragen ließen, und noch mehr waren sie erstaunt, als sie sahen, dass die Registrierten trotz des inzwischen eingekehrten Winters mit außerordent­lich viel Schnee und Temperaturen bis zu 40 Grad unter Null sich in Trecks und Eisenbahntrans­porten tatsächlich auf den Weg nach dem Westen machten“. >Ende des Zitats.

 

Cecilia Scheller aus Hamburg, sie stammt aus einer Familie in Bruckenthal, übergab mir im Jahre 2005 einen von ihr verfassten Bericht, der sehr eindeutig und persönlich die Ungerechtigkeit der Situation während der Umsiedlung beschreibt, die sie als 10-jährige erlebt hat. Ich zitiere:

„Diese Maschinerie des Schreckens, gesteuert von Menschen mit einer niederen Gesinnung überrollte im Herbst 1939 das Land meiner Familie, das Land, in dem ich geboren bin und wo ich zur Schule ging. Das Land, das uns dort Geborene die eigentliche Heimat war und ist und bleiben wird. Diese Maschinerie überfiel den geordneten, so sicher erscheinenden multikulturellen Lebensraum, entwurzelte Millionen Menschen und verpflanzte sie dorthin, wo sie als willenlose Sklaven den 'Eroberern' gehorchen mussten.

So erging es auch den Galiziern, die sich dem 'deutschen Kulturkreis' angehörig fühlten. Sie mussten es hinnehmen, dass es bei den Reichsdeutschen mit ihrer Kultur nicht weit her war. Das war eine der bitteren Enttäuschungen, die die Galizier erfahren mussten, und nicht nur die deutschstämmigen. –

Auch die Ukrainer fühlten sich im wahrsten Sinne des Wortes betrogen in ihrer Hoffnung auf Beistand von der Reichsdeutschen Regierung.“.  >Ende des Zitats von Cecilia Scheller.

Hier finde ich den Beweis, dass meine Eltern nicht die Einzigen waren, die im Reich einen Kulturschock erlitten.

 

Die Situation seines Heimatdorfes Wiesenberg vor der Umsiedlung beschreibt Peter Lang 1969 im Zeitweiser der Galiziendeutschen. Er berichtet, wie ein deutsches Dorf durch staatliche und kirchliche Maßnamen zu einem Dorf von Polen umgeformt werden sollte. Ich zitiere:

„Inzwischen war die Polonisierung innerhalb der Kirche fortgeschritten. Der Gesang wurde zur Hälfte in deutscher, zur Hälfte in polnischer Sprache geführt. Die Pfarrer waren fast ausschließlich polnischer Her­kunft, sprachen meistens sehr wenig deutsch und benutzten die Kirche zur Vorantreibung der Polonisierung. Nur der letzte vor der Umsiedlung amtierende Pfarrer in Wiesenberg Eduard Wiśniewski war eine Ausnahme. Er sprach ein gutes Deutsch, lehrte die Kin­der deutsche Kinderlieder und bewahrte während des Krieges die Ein­wohner vor Repressalien.

Auch auf dem Gebiet der Schule konnte man wenig optimistisch in die Zukunft blicken. Die deutsche Unter­richtssprache musste der polnischen bis auf verschwindend kleine Anteile weichen. Die Lehrer waren angewiesen, die Kinder in polnischem Geiste zu erziehen.

Bis 1934 war die politische Gemeindeverwaltung in deutsch orientierten Händen. Aber in den nach­folgenden Jahren wurde der Ortsvorsteher aus der Reihe des polnisch orientierten Schützenverbandes vom Starosten (Landrat) sozusagen ernannt. Auf Druck dieser Instanz wurde die Auswahl der Gemeindevertretung durch einen Kompromiss beider Gruppen vollzogen, wobei schon im Vorhinein der Amtsvorsteher be­stimmt war. Auf diese Weise wurde den Einwohnern von Wiesenberg ihr demokratisches Recht zur Gemeinderats­wahl entzogen.

Andererseits war es das Ziel der deutschen Volksgruppe, sich ihre deutsche Muttersprache, ihre deutschen Sitten und ihre deutsche Kultur zu erhalten und zu fördern und auch die gemeinsame Wirtschaftslage zu verbes­sern. Diese Politik betrieb sie keineswegs nationalistisch, sondern erfüllte ihre Pflicht als loyale polnische Staatsbürger, obgleich die staatlichen Organe ihnen große Schwierigkeiten bereiteten. Diese zielbewusste und beharrliche Arbeit ließ die Volksgruppe zunächst erfolgreich aus die­sem Kampf hervorgehen.

Einen großen Anteil an diesem Erfolg hatte auch die Jugend, die in unermüdlichem Fleiß und Eifer besonders durch Theaterstücke die deutsche Kultur lebendig erhielt und aus ihren Veranstaltungen einen erheblichen Reingewinn erzielte, der zur Abtragung der Kosten für die beiden genossenschaftlichen Häu­ser verwendet wurde. Bei Tanzveranstal­tungen und zu besonderen Anlässen spielte eine Kapelle, die sich aus Jugendlichen des Dorfes zusammensetzte. Trotz aller Errun­genschaften war es fraglich, ob die deutsche Volks­gruppe dem immer stärker werdenden Druck der polnischen Regierung auf die Dauer hätte widerstehen können“. Peter Lang schreibt weiter:

„Der Zweite Weltkrieg bereitete der Ge­meinde Wiesenberg ein Ende. Das Dorf wurde in „Czerwony Kamien" umbenannt. Vier männliche Einwohner wurden verhaf­tet und in das Konzentrationslager Bereza Kartuska abtransportiert, unter ihnen auch der Verfasser. In trauriger Erinnerung ist besonders ein polnisches Polizeiaufgebot, das kurz vor dem polnischen Zusammenbruch das Dorf überfiel, den größten Teil der Woh­nungen verwüstete und die Bevölkerung, gleichgültig welchen Alters und Geschlechts, Repressalien aussetzte“. (Hier merke ich an: Der polnische Pfarrer und der Lehrer haben durch Verhandlungen die kritische Lage entschärft). „Am 8. Dezember 1939 traf dann eine deutsch-sowjetrussische Kom­mission ein, welche die Umsiedlung der deutschen Bewohner in Wiesenberg leitete. Die Umsiedlung erfolgte freiwillig; alle Deutschen ließen sich registrieren.

Am 11. Januar 1940 traten Frauen, Kinder, alte und kranke Leute aus Wiesenberg mit der Eisenbahn die Reise nach Deutschland an. Zwei Tage spä­ter, in der Nacht, rief die Glocke die letzten Einwohner von Wiesenberg zum Abschied auf. Bei heftigem Schneesturm und sehr strengem Frost ver­ließen die Männer mit ihren voll beladenen Pferdewagen schweren Herzens die alte Hei­mat, um einer ungewissen Zukunft entgegenzufahren. Sie wurden von den ukrainischen Nachbarn herzlich verabschiedet und nicht selten flos­sen Tränen... >Ende des Zitats.

 

Andere Einzelheiten der Umsiedlung beschreibt Anton Engel (bekannt als ‚Bruche Tośiu’) in seinen Erinnerungen an Wiesenberg im Zeitweiser der Galiziendeutschen 1986. Ich zitiere:

„Am 8.12.1939 kam aus Lemberg eine deutsch-russische Kommission nach Wiesenberg, um alle Deut­schen zu erfassen, samt Hab und Gut. Dazu kamen auch alle Deutschen der umliegenden Dörfer: Mierzwica, Skwarzawa, Macoszyn und Soposzyn. Am 11.01.1940 traten Frauen und Kinder sowie Alte und Kranke in Güterwagen der Eisenbahn die Reise an. Pfarrer Wiśniewski ging auch mit.

Wiesenberg war auch die zentrale Sammelstelle für alle, die mit dem Pferdetreck auf die Reise gingen. Am 12.01.1940 war das Dorf voller Fuhrwerke. Das Signal zur Abfahrt war das Läuten aller Glocken. Dieser letzte Klang traf alle tief bis in die Seele: sogar den här­testen Männern trieb es die Tränen in die Augen.

Die Frauen und Männer wurden von den ukrainischen Nachbarn herzlich, aber mit Wehmut verabschiedet, wobei viele Tränen geflossen sind, denn sie wussten, dass ihnen eine schwere Zukunft bevorstand. >Ende des Zitats.

Dieser letzte Satz von Anton Engel, genauso wie vorher von Peter Lang, ist ein Hinweis darauf, dass das nachbarschaftliche Verhältnis zwischen Deutschen, Polen und Ukrainern trotz der staatlich verordneten Polonisierung bis zuletzt noch immer gut war - und das wird uns beim Besuch in der Ukraine auch jetzt noch nach 80 Jahren bestätigt.

 

Das waren zwei Berichte zum deutschen Dorf Wiesenberg. Leider habe ich zu den anderen katholischen Dörfern keine Berichte die Umsiedlung betreffend gefunden. Es mag dort ganz ähnlich gewesen sein. Die Umsiedlung aus der Stadt Lemberg beschreibt Elisabeth Gerbrandt recht ausführlich bis hin zu ihrer Ansiedlung in Leipzig, wo sie mit über 90 Jahren immer noch lebt.

Ich zitiere:

 

„Nun schickte Hitler auf Grund des Paktes mit Stalin seine Umsiedlerkommission nach Galizien. Die Deutschen, die „Heim ins Reich“ wollten, wurden registriert und in verschiedene Transporte aufgeteilt. In den deutschen Dörfern wurden Trecks zusammengestellt und die Bewohner fuhren mit Pferd und Wagen in Richtung Westen. Für die Deutschen in den Städten wurden Güterzüge bereitgestellt. Wir hatten kaum eine Wahl: entweder „Heim ins Reich“ oder nach Sibirien. Das war eine Befürchtung, die durch die Schicksale von zurückgebliebenen Deutschen bald bestätigt werden sollte. Unser Transport ging am 8. Januar 1940 bei minus 35 Grad Kälte vom Güterbahnhof Lemberg ab. Der Nachfolger in unserem Haus, das wir erst seit eineinhalb Jahren bewohnten, Herr Nowicki, half uns das Gepäck zum Bahnhof zu bringen. Er war auch ein Eisenbahner wie mein Vater.

Auf dem Güterbahnhof suchten die Männer nach Holz oder Kohle, um die Eisenöfen, die in der Mitte der Güterwagen standen, zu beheizen. Aber es war trotzdem so kalt, dass an den Außenwänden des Waggons das Brot und die Äpfel gefroren waren, während man sich innen fast die Knie am Ofen verbrannte. In der Nacht kamen wir mit unserem Transport über die Brücke des Flusses San bis Przemyśł. Es war eine holprige Fahrt mit Rütteln und Schütteln und vielen Standpausen auf der kurzen Strecke von 85 km.

In Przemyśł wurden wir in einer Kaserne untergebracht und von der Deutschen Wehrmacht mit Essen aus einer Gulaschkanone versorgt. Ein Personenzug brachte uns bald bis Pabianice bei Łódz. Dort hatten wir Nachtquartier in einem Schaf- oder Ziegenstall. Es hat gestunken und man wollte nicht glauben, dass man uns Deutsche so in Deutschland aufnimmt. Aber es änderte sich nichts. Als Zehnjährige habe ich auf unserem großen Korb gut geschlafen, aber die Erwachsenen haben sich bestimmt nicht in das Stroh schlafen gelegt.

Am nächsten Tag ging es zur Entlausung. Es war eine höchst unangenehme und peinliche Angelegenheit. In einem Raum mussten die Kleider und die Unterwäsche ausgezogen werden, dann ging es unter die Dusche. Ich merkte, dass es meiner Mutter peinlich war. Nach dem Bad gingen wir in den Trockenraum und dann zu unserer „entlausten“ Garderobe. Man brachte uns dann in eine saubere Tuchfabrik nach Łódz. Dort blieben wir etwa vierzehn Tage und bekamen am 19. Januar 1940 die Einbürgerungsurkunde. Von Łódz aus ging der Transport nach Böhmisch Leipa (Ceska Lipa). In der großen Tuchfabrik waren zwei Fabrikhallen als Schlafräume eingerichtet worden.

Der Raum im ersten Stock war mit Doppelstockbetten ausgestattet, im zweiten Stock gab es eine einfache Bettenreihe. Dadurch gab es mehr Licht und Sonne in dem Raum. Es schliefen etwa zehn Personen in einer Reihe. Neben mir in der Reihe lag ein Herr Partyka, dann schlief meine Mutter, daneben mein Vater und wahrscheinlich weiter ein Mann und so setzte sich die Reihe fort.

Man musste sich schließlich an das Lagerleben gewöhnen und versuchen, das Beste daraus zu machen. Ich habe aus festem Papier, das ich in der Fabrik gefunden habe, Spielkarten gemalt und ausgeschnitten und die Kinder zum Spielen eingeladen, um überhaupt etwas Beschäftigung zu haben. Später bekamen wir von einem alten Lehrer, dem Rentner Herr Neumann, 2 bis 3 Stunden Unterricht in Deutsch. Es musste zuerst die gotische Schrift gelernt und geübt werden. Später gab es im Lager eine Kindergärtnerin, Schwester Hilde, die uns beschäftigte, uns deutsche Lieder beibrachte und mit uns im Ort spazieren ging.

Wir blieben ein halbes Jahr in dem Lager in Böhmisch Leipa. Dann ging der Transport weiter nach Oderberg (Novy Bohumin). Nach etwa vierzehn Tagen ging es weiter in ein Lager in Leipzig. Wir wurden in einer Schule in der Elsässer Strasse untergebracht. Dort durfte ich dann den Unterricht besuchen und zwar in der Schule in der Alexanderstrasse. Von der vierten Klasse der polnischen Schule kam ich in die fünfte Klasse der deutschen Schule und doch war ich ein Jahr älter als die deutschen Schüler, da wir in Lemberg erst mit sieben Jahren in die Schule aufgenommen wurden“. >Ende des Zitats. –

Das eben war ein Hinweis auf die Situation der schulpflichtigen Kinder, die durch die Umsiedlung nicht nur das Schulsystem, sondern meistens auch die Unterrichtssprache wechseln mussten.

 

Besonders informativ und eindrucksvoll sind die Tagebuchaufzeichnungen von Hans Koch über die Umsiedlung der Deutschen aus Ostgalizien, veröffentlicht im Heimatbuch der Galiziendeutschen 1977. Ich zitiere zunächst aus dem Vorwort:

 

„Universitätsprofessor Dr. Hans Koch, von uns einfach Dr. Koch genannt, war Stellvertreter des Lemberger Gebietsbevollmächtig­ten und Chefdolmetscher der deutschen Umsiedlerkommission. Es bestand aber kein Zweifel: er war die Seele des ganzen Umsiedlungswerks, ihr Mittelpunkt auch über das Lemberger Gebiet hinaus. Genaue Kenntnis der Ethnographie und Geschichte Galiziens, einschließlich der deutschen Siedlungen, die Beherrschung der ostslawischen Sprachen, die Vertrautheit mit der Mentalität seiner Landsleute und ihrer slawischen Umwohner, auch der Russen, und die ihm eigene souveräne Ruhe in der Behandlung schwieriger Fälle, wie sie bei der Umsiedlung zu erwarten waren, befähigen ihn in hohem Grade für sein schwieriges Amt“.

 

In den stichwortartigen Tagebuchnotizen benennt Hans Koch sich selbst in der dritten Person als Dr. Koch. Aus diesen Notizen habe ich einige Kapitel herausgesucht, die vor Allem das deutsche Dorf Wiesenberg betreffen. Die Zeitangaben „Osteuropäische Zeit“ sind ein Hinweis auf die Umstellung auf die um zwei Stunden unterschiedliche Moskauer Zeit durch die russischen Behörden.

Ich zitiere:

 

„Am 9.12.1939 um 2 Uhr früh Osteuropäischer Zeit: Eintreffen des Sonderzuges der Umsiedlungskommission in Lemberg. Der Bahnhof ist kalt, düster, streng und abgeschlossen. Vor dem Bahnhof warten Sowjetkraftwagen, darunter ein LKW für das Gepäck. Nach längerer Irrfahrt durch die menschenleere, zum Teil zerschossene Stadt (gemeint ist die Elisabethkirche am Bahnhof), landet der Stab vor einer Villa der Stryjer Vorstadt und wird einquartiert.

 

12.12.1939 - also drei Tage später.

Plötzlich kam der erste Stoss von Besuchern. Vormittags standen auf einmal Gruppen von Menschen vor unserem Haus und begehrten Einlass. Die Sowjetwache versuchte zu bremsen, zu notieren, auszusondern, aber sie hielt den Stoss einfach nicht durch und musste die Menschen, mit denen sie sich obendrein nicht verständi­gen konnte, schließlich auf uns abwälzen. Es kam allerlei Volk: Polen, Ukrainer, der holländische Konsul, Juden und ein Franzose; alle wollen weg, nur weg.

Im Laufe des Nachmittags ebbte der Strom ab. Aber gleichzeitig kam unser Anschluss an das öffentliche Telefonnetz zustande, und nun rissen die Gespräche nicht ab. Stryj, Unter­walden, Josefòw usw. meldeten sich kunterbunt, gewöhnlich beide Vertreter zusammen, und wurden von Dr. Koch gleichermaßen in deutscher, ukrainischer und russischer Sprache be­dient.

Der für den 10. 1. früh fällig gewesene Transport Nr. 67 ab Rawa Ruska-Żòlkiew ist um 15.00 Uhr Osteuropäischer Zeit noch immer nicht gestellt. Die Umsiedler frieren im Freien bei minus 30°. Aus Rawa Ruska wird ein Toter durch Erfrierung gemeldet.

 

10.1.1940 – das ist Mitte Januar, als die Umsiedlung in vollem Gange war.

Der Zug Wiesenberg - Żòlkiew, fällig am 10.1., hat bis 11.1. noch immer keine Waggons; Die Einquartierung der Umsiedler wurde notdürftig in ungeheizten Räumen veranlasst; Der Sowjetvertreter in Rawa Ruska ist besonders hilfsbereit, scheitert freilich an technischen Schwierigkeiten. Die Güterwagen Rawa Ruska wurden um 12.00 Uhr OEZ gestellt, aber ungereinigt - wenigstens Heizmaterial ist vorhanden.

Gerüchteweise verlautet, dass die Lemberger Eisenbahndirektion wegen angeblichen Waggonmangels alle Evakuierungstransporte vorübergehend einzustellen gedenkt.

 

12.1.1940

Der Treck Wiesenberg (das sind die Männer mit den Fuhrwerken) verzögert seinen Ausmarsch infolge lästiger Kontrollmaßnah­men örtlicher Miliz und des russischen Ortsbevollmächtigten. Die Intervention des deutschen Lem­berger Gebietsstabes an Ort und Stelle am 12. 1. bleibt erfolglos. Sollte der Ausmarsch am 13.1. noch freigegeben werden, so wird der Treck versuchen, bis Abend Kaltwasser zu erreichen.

Als Randnotiz: Merkliches Nachlassen der Fröste; größere Schneefälle, Schneetreiben und Ver­wehungen.

 

13./14.1.1940

Der Treck Unterwalden passierte am 14.1. mittags die Stadt Lemberg und erreichte um 15.00 Uhr OEZ Kaltwasser. Infolge der gestrigen Verzögerung durch sowjetische Kontrollen kam der Treck Wiesenberg nach Sammlung in Kulikow am 14. 1. erst mittags durch Lemberg und stieß auf Höhe von Kaltwasser auf den rastenden Treck Unterwalden.

Da die Wiesenberger Pferde angesichts neuer Schneeverwehungen und überstandener Marschleistung zum Weitermarsch zu müde waren, wurde der Treck Unterwalden sofort aus Kaltwasser nach Gròdek vorgeschickt, während der Treck Wiesenberg im Raume Kaltwasser über­nachtet.

Seit mehreren Tagen streichen Sowjets aufgrund angeblicher höherer Befehle stets unmittelbar vor Abmarsch die mitzunehmenden und beiderseits bereits regi­strierten Landarbeiter plötzlich aus den Listen und verlangen stets eine nachträgliche Ge­nehmigung durch den deutschen Ortsbevollmächtigten; das wird deutscherseits befehlsge­mäß stets abgelehnt, so auch in Unterwalden und in Wiesenberg“. Ende des Zitats

(Mit den Landarbeitern sind offenbar ukrainische und polnische Hilfskräfte gemeint, damals als Knechte bezeichnet, die für den Neuanfang im Warthegau gebraucht wurden).

 

Als eine Art Abschlussnotiz schreibt Hans Koch Ende Januar:

„Die Verluste an Toten und Kranken sind doch größer, als wir es nach den anfäng­lichen Meldungen geglaubt hätten. In Przemysl allein sind bisher 30 Umsiedler be­graben, zumeist ältere Menschen. Wie mir unsere Kraftfahrer berichten, waren die Begräbnisse sehr unfeierlich, das Gefolge oft nur aus einer zufällig anwesenden Krankenschwester bestehend, ohne jeden geistlichen Beistand. Aus Krakau werden ebenfalls Todesfälle gemeldet.

Ein bitteres Kapitel bildet das Schicksal der 150 Gefangenen unseres Gebietes. Seit 6 Wochen bestürmen wir die Sowjets, um die vertragsgemäße Freigabe dieser Männer und Frauen zu erreichen. Täglich standen weinende Familienangehörige vor unseren Bü­ros. Jetzt sind auch sie weniger geworden; die meisten haben resigniert und sind abge­reist. –

Von den 150 Gefangenen haben am Ende nur 3 die Freiheit erlangt! >Ende des Zitats.

 

Nach diesen Tagebuchaufzeichnungen soll als eine art Schlusswort noch ein Zitat aus einem Artikel von Sepp Müller folgen, der als Mitglied der Umsiedlerkommission den Abschlussgottesdienst in der evangelischen Kirche in Lemberg erlebt hat. (Sepp Müller ist der Vater von Prof. Erich Müller, der Jahrzehnte lang für das Hilfskomittee gearbeitet hat und der mit über 90 Jahren in Berlin lebt.)

Ich zitiere:

 

„Selten war diese Kirche so überfüllt, wie an diesem ersten Weihnachtstag 1939, als unter den Deutschen der Stadt durch Benachrichtigung von Mund zu Mund bekannt geworden war, dass Professor Koch den Gottesdienst und die Predigt halten werde. Deutsche Protestanten und Katholiken füllten das Gotteshaus bis zum Rand und erlebten ei­ne der eindrucksvollsten gottesdienstlichen Handlungen und eine der ergreifendsten Predig­ten, die jemals hier gehalten wurden.

Hans Koch, Kind dieser deutschen evangelischen Gemeinde, in dieser Kirche getauft und konfirmiert, ehemaliger Schüler der deutsch-evange­lischen Schule und des deutschen Staatsgymnasiums der Stadt, nahm für seine Landsleute und für sich Abschied von der Kirche, der Gemeinde, der Stadt und dem Land, die von meh­reren deutschen Generationen unter harten Entbehrungen und großen Opfern, aber mit umso mehr Liebe und Fleiß geschaffen und ausgestaltet worden waren. Er nahm Abschied für immer und erflehte Gottes Segen für die Zukunft.

Zwei Wochen später aber, bei der Feier des Heiligen Abends für die Mitglieder des Gebietsstabes, beschloss Hans Koch seine Ansprache mit den Worten: „Wir sind die Totengräber eines 160-jährigen Volksgruppenlebens und seiner Kulturschöpfungen. Aber wir wollen hof­fen, dass wir gleichzeitig Wegbereiter einer besseren Zukunft für Zehntausende von Getreuen sind“.

Das schreibt Sepp Müller über die letzten Tage der Deutschen in Lemberg.

 

Einer solchen bewegenden Abschiedsrede möchte ich nichts hinzufügen. Aber schließen möchte ich mit der Bemerkung, dass wir, die wir heute in einem geeinten Europa leben, allen Grund haben unsern Eltern zu danken, dass sie damals den Weg nach Europa gewählt haben.